„Die ganze Welt würde sich über uns totlachen“

Kulturkampf: Chefdirigent Markus Poschner über Lugers Theatervertrags-Kündigung

„Wir würden nicht mehr existieren können“, sagt Poschner über Lugers Pläne.
„Wir würden nicht mehr existieren können“, sagt Poschner über Lugers Pläne. © APA/fotokerschi.at

Mit MARKUS POSCHNER sprach Philipp Wagenhofer

Einen immensen Imageschaden für die Stadt Linz, die den Theatervertrag mit dem Land OÖ gekündigt hat, ortet der Chefdirigent des Bruckner Orchesters, Markus Poschner.

VOLKSBLATT: Mitte Dezember wird im Brucknerhaus die „Phantastische“ des Genius loci aufgeführt. Gar nicht fantastisch ist das Verhalten des Linzer Bürgermeisters Klaus Luger. Wie finden Sie das?

MARKUS POSCHNER: Es ist ein Skandal, dass sich die Stadt von ihren erfolgreichsten Einrichtungen abwendet, obwohl wir Bruckner Orchester Linz heißen. Und sie tut das, ohne über eine Perspektive zu sprechen. Ich nehme an, dass der Stadt aus vielen Gründen das Wasser bis zum Hals steht … Ich als Kulturschaffender brauche eine Vision, ich brauche eine Zielvorgabe, ich möchte in Ruhe arbeiten können. Wir haben enormen Erfolg, das sollte man nicht einfach abschneiden. Ich möchte, dass wir uns entfalten, dass wir unser enormes Potenzial abrufen können, dass wir wachsen und gedeihen.

Ist die Kündigung des Theatervertrags über 14 Millionen Euro durch die Stadt existenzbedrohend?

Selbstverständlich, es geht ja um einen hohen Betrag, den die Stadt nicht mehr bereit ist, zu zahlen.

War diese Ankündigung für Sie überraschend?

Es war für mich überraschend, dass man das verkündet, ohne ein Szenario, eine Alternative in der Tasche zu haben. Das ist eine unglaublich negative Auswirkung. Der Verlust an Ansehen ist enorm. Ich war gerade in Zürich, weil ich am Opernhaus Premiere hatte: Es pfeifen die Spatzen von den Dächern — bis hin zu den einzelnen Orchestermusikern werde ich darauf angesprochen und bemitleidet. Ich werde sogar gefragt, ob sie auch Petitionen starten sollen. Da ist ja die Solidarisierung in der Szene Gott sei Dank immer sehr groß. Es ist fatal, welche Negativwelle da öffentlich produziert wird.

Sie stehen voll hinter den Petitionen des Betriebsrats, der Künstler …

Wir kämpfen bis aufs Messer. Es ist ja absurd, uns in dieser Situation im Regen stehen zu lassen. Es gab keine Gespräche. Es geht hier um die Zukunft einer Stadt, wenn man sich ansieht, was in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in Linz passiert ist … Auch der Bürgermeister nimmt das Wort Kulturstadt immer wieder in den Mund. Aber wie geht es jetzt weiter? Was ist die Vorstellung des Bürgermeisters? Was bietet er seinen Bürgern und Bürgerinnen an? Wie soll die Stadt kulturell gestaltet sein? Hier wird sehr hart gearbeitet, so eine Behandlung haben wir nicht verdient. Wir sind ja ein sehr empfindliches Schifflein auf dem Ozean, weil wir immer in der Öffentlichkeit stehen. Wir tun alles dafür, um Publikum zu kriegen. Und das hat ja auch mit Vertrauen zu tun. Das Publikum muss sich sicher sein, dass hier bestmöglich gearbeitet wird. So eine negative Meldung, die ja fast ein aggressiver Akt ist, eine einseitige Kündigung, hat genau das Gegenteil zur Folge.

Vor allem wurde gleich mittransportiert, dass der Bürgermeister erwarte, dass die Sache im Gemeinderat am 6. Dezember durchgehe …

Ich kann nur an die Vernunft der Gemeinderatsmitglieder appellieren, bitte abzuwägen. Wir reden hier über die Identität einer Stadt.

Fühlen Sie und das Orchester sich schlecht behandelt?

Wir sind das Flaggschiff. Die Stadt hält mit uns alle Trümpfe in der Hand. Welche Stadt der Größe von Linz kann auf so ein Weltklasseensemble wie das Bruckner Orchester verweisen?

Also ein gewaltiger Imageverlust für Linz?

Das ist ein Verlust an Ansehen. Ich bin Münchner … was ich an Mails und Zuschriften — von Beileid bis zu größtem Erstaunen und Unverständnis in der Orchesterszene — bekam, spricht ja Bände. Unsere Online-Petition ist ja im Nu zigtausendfach angeklickt worden. Man sieht ja auch in der Öffentlichkeit, dass die Entscheidung der Stadt überhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Sicher gibt es auch Leute, die mit Kulturausgaben nichts anfangen können.

Ja, ich möchte auch dem Bürgermeister nicht das Recht absprechen, zu konstatieren: Leute, wir können nicht mehr. Uns steht das Wasser bis zum Hals. Aber man darf seine eigenen Ideale nicht verleugnen, seine eigene Identität in Frage stellen. Man verunsichert nicht nur die Protagonisten, man verunsichert die eigene Stadt.

Möglicherweise wird es einmal Gespräche geben.

Es muss auch erlaubt sein, erst einmal nicht über die Zahlen zu reden, sondern über die Inhalte, über die Idee, über die Vision. Was wollen wir sein? Das geht auch ins Touristische hinein. Natürlich muss man auch auf den Geldbeutel schauen. Aber von der Zielvorgabe darf nicht abgelassen werden.

Was erwarten Sie sich vom Bürgermeister?

Ich erwarte mir eine Perspektive, ein Bekenntnis auch zu seinen Kultureinrichtungen, zur kulturellen Entwicklung der Stadt … Wir sind auch für Linz Kulturbotschafter. Er wendet sich ab. Es ist eine Entsolidarisierung — ohne Alternative.

Hätte das direkte Auswirkungen aufs Orchester?

Selbstverständlich ist das Orchester am nächsten Tag nicht mehr das gleiche wie vorher. Wir würden nicht mehr existieren können. Das Wort Kündigung wäre sofort wieder auf dem Tableau. Aber hier geht es nicht um eine Kosmetik, das Orchester wäre nicht mehr existenzfähig … Das ist radikal. Das ist eine Sprengung, eine sehr, sehr schwere Detonation.

Wäre es möglich, dass Sie im Brucknerhaus nicht mehr spielen?

Die ganze Welt würde sich über uns totlachen, wenn das Bruckner Orchester im Brucknerhaus nicht mehr auftritt. Absurd. Aber es wird mit dem Theatervertrag auch die künstlerische Ebene aufgekündigt: Programmgestaltung, Brucknerfest … Die gesamte Zusammenarbeit mit dem Brucknerhaus steht vor einem Neubeginn.

Überdenken Sie ob dieser Entwicklung Ihr Engagement in Linz?

Ich habe noch drei Jahre einen gültigen Vertrag. Ich verwende mich mit Haut und Haar für diesen Job, weil ich dieses Orchester liebe. Aber für mich ist es wichtig, eine klare Perspektive zu haben. Ich bin kein Schönwetterkapitän, ich bin bereit, um jeden Millimeter zu kämpfen.