Die Geburtsstunde der Postkarte

Die Einführung der „Correspondenzkarten“ im Oktober 1869 durch die österreichische Post war ein Renner. Schon nach vier Wochen wurde das millionste Exemplar verkauft. Die Postkarte war ein echt demokratisches Kommunikationsinstrument: kein teures Papier, kein Couvert, Briefmarke schon vorgedruckt und der Text kurz und ohne Floskeln, gleichsam eine analoge Version der SMS.

Diese Postkarte passte zum allgemeinen Innovations- und Beschleunigungsschub in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu dem auch das Reisen gehörte. Das Bedürfnis entstand, die Daheimgebliebenen zu grüßen und mithin neidisch zu machen.

Die mittlerweile verbreitete Fotografie ermöglichte das Versenden von Aufnahmen aus dem Urlaubsort, die daselbst käuflich zu erwerben waren: „Seht her, so schön hab ich’s hier!“
So ganz authentisch waren diese Ansichtskarten indes nicht, es fehlte die Farbe. Ein massentaugliches Farbbildverfahren war noch nicht erfunden. Foto-Ansichtskarten wurden Abzug für Abzug von Hand koloriert, oft mittels Schablonen, damit es schneller gegangen ist.

Da trat der Schweizer Lithograf Hans Jakob Schmid auf den Plan und erfand für seinen Arbeitgeber Orell Füssli das Photochrom-Verfahren. Dabei wurde das Schwarz-Weiss-Negativ auf bis zu 16 lichtempfindlich gemachte Steine projiziert, die danach in verschiedenen Farben gedruckt wurden. Weil die Farbe transparent war, konnte mit 16 Steinplatten eine fast unendliche Zahl an Farbnuancen generiert werden. Für das Verfahren gab’s bei der Pariser Weltausstellung 1900 eine Goldmedaille.

Farben verliehen den Karten poetischen Zauber

Die Bilder waren gleichsam wirklicher als wirklich: Das Blau der Flüsse und Seen war blauer, der Himmel dramatischer, die Bäckchen der Damen rosiger, als man es kannte. Das verlieh den Bildern, die nun kostengünstig als Ansichtskarten aus aller Welt erhältlich waren, einen ganz besonderen, poetischen Zauber. Orell Füssli spaltete das Photochrom-Geschäft 1889 in eine Tochterfirma ab und daraus ging 1895 die Aktiengesellschaft Photoglob & Co hervor, die Lizenzen unter anderem nach London und Detroit vergab.

Bald beschränkte sich Photoglob auf Europa, später die Schweiz. Dank dem Tourismus lief das Ansichtskartengeschäft immer noch auf Hochtouren — ab 1930 nicht mehr mit Photochrom-, sondern mit echten Farbfotos. Photoglob hat immer wieder mit kleineren Unternehmen fusioniert und diversifiziert. Sie verkauft mittlerweile beispielsweise auch gegenständliche Souvenirs, aber sie ist immer noch nach eigener Angabe der größte Postkartenverlag.

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