„Die Gegenstimme“: Erster Roman des Dramatikers Thomas Arzt

Die Corona-Pandemie sei „eine schlimme Sache mit gefährlichem Nachhall. Es braucht wieder Perspektive. Und keine Gesellschaft, die sich von Mutation zu Mutation mehr und mehr voll Wut anbrüllt“, meint der Autor Thomas Arzt. „Ich bin froh arbeiten zu können. Und bleibe Optimist.“ Dazu hat der in Wien lebende Oberösterreicher auch allen Grund. Bisher als Dramatiker erfolgreich, erscheint Anfang kommender Woche sein erster Roman. „Die Gegenstimme“ ist ein tolles Buch geworden.

APA: „Die Gegenstimme“ beruht offenbar auf der wahren Geschichte Ihres Großonkels, der bei der Abstimmung über den „Anschluss“ als einziger im Dorf eine Nein-Stimme abgab. Wie wurde in Ihrer Familie und im Dorf mit diesem Kapitel der Familiengeschichte umgegangen?

Thomas Arzt: Die Tat des Karl Bleimfeldner ist nur mündlich verbürgt. Meine Großmutter hatte immer davon erzählt, in einem stolzen Tonfall. In der Familie klang das für mich als Kind nach „Heldengeschichte“. In der Recherche hat sich eher das Bild ergeben, dass der Karl selbst eigentlich gar nicht darüber berichtet hat. Jedenfalls gegenüber Außenstehenden. Im Dorf dürfte ihm nach dem Krieg aber durchaus mit Hochachtung begegnet worden sein. Da heißt es, „vor dem Karl wurde der Hut gezogen“. Der Schein trügt aber oft. Für mich hat sich die Heldengeschichte jedenfalls in Luft aufgelöst. Den Fotos zufolge, die ich kenne, war er als Student in einer katholischen und ständestaatlich loyalen Burschenschaft und seine Vorlesungen waren voll mit austrofaschistischer Ideologie. Sein Kreuz gegen Hitler war eines für Schuschnigg bzw. für Dollfuß. Darüber hat aber in der Familie nie wer gesprochen.

APA: Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, diese wahre Begebenheit zum Ausgangspunkt eines Romans zu nehmen? Und wie groß ist der wahre Kern?

Arzt: Ich wollte anfangs für mich persönlich herausfinden, was damals geschehen war bzw. was geschehen sein könnte. Erinnerungen ist ja selten zu trauen, Erzählungen aus der Familie oft viel weniger. Im Gemeindearchiv bin ich dann auf das Dokument gestoßen, das zeigt, wer am Abstimmungsvorgang damals mutmaßlich beteiligt war, und auf Listen, in denen man sich nach dem Krieg eintrug und versicherte, eben ganz und gar nicht beteiligt gewesen zu sein. Spätestens da wurde die Sache zu einem Stoff, der über mein privates Interesse hinausreichte. Drum bin ich drangeblieben. Was den wahren Kern betrifft – der ist letztlich in jeder Figur im Buch ansatzweise zu finden. Es ist zwar nicht immer alles in dem einen Dorf vorgefallen. Aber das Beschriebene spiegelt vieles wieder, was sich meiner Recherche nach faktisch auch zutrug. Was allerdings nicht verbürgt ist, sind die Vorfälle im Wald: der Mob, der den Karl verfolgt.

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APA: Wie schwierig war es, der Atmosphäre dieser Zeit nachzuspüren und sie wiederzugeben?

Arzt: Ich habe viel im O-Ton gelesen, Zeitungsberichte von damals, Korrespondenzen der nationalsozialistischen Behörden, etc. Das hat geholfen, ein Gespür für den „Sound“ zu bekommen, der die Ereignisse umgab. Danach habe ich eigentlich gar nicht mehr „historisch“ gedacht, sondern versucht, in den damaligen Vorgängen die heutige Atmosphäre aufzuspüren. Es braucht ja nicht viel, um den Brückenschlag vom Faschismus der 1920er und 1930er-Jahre zu aktuellen Tendenzen zu wagen.

APA: Bei der Lektüre fällt sofort die spezielle Sprache auf, die wie ein Filter zu den beschriebenen Ereignissen wirkt. Was hat es damit auf sich? Wie wichtig war sie für das Konzept des Buches?

Arzt: Sehr wichtig. Das Buch sollte für mich zu keiner bloßen Nacherzählung werden, sondern von Sätzen durchzogen sein, die aus dem Hier und Jetzt stammen könnten. Darum unterbreche ich den Erzählfluss. Das heißt, es brechen Sätze ab. Es fehlen Worte, meistens Verben. Und ich orientiere mich an der gesprochenen Sprache, also am Dialekt, mag es zugleich aber, wenn das vermeintlich „Österreichische“ etwas ausgestellt daherkommt. Es klingt dann, jedenfalls für mich, vertraut und zugleich befremdlich. Ich habe die Hoffnung, dass man das Gelesene dadurch nicht einfach „abhakt“.

APA: Sie sind als Dramatiker bekannt geworden. Nun legen Sie Ihren ersten Roman vor. Was war der Reiz des Genrewechsels? Was waren dabei die größten Hürden, die es zu überwinden galt, bzw. auf welche Techniken aus dem Werkzeugkasten des Stückeschreibers konnten Sie zurückgreifen?

Arzt: Schwere Frage. Der Reiz liegt für mich sicher im längeren Atem, den mir die Prosa abverlangt. Theaterstücke gelingen mir ungeplanter, intuitiver, auch wirrer und chaotisch im Anfang. In der Prosa war das für mich aber schwer einzufangen, wenn ich zu sehr „aus dem Bauch heraus“ begonnen habe. Man muss sich mehr Etappenziele setzen und mit möglichst wenig Unterbrechungen dranbleiben. Da ich zum zweiten Mal Vater geworden bin, war das nicht immer einfach zu realisieren. Ich bin sehr dankbar, dass mir mein Umfeld die Zeit für diesen Roman ermöglicht hat. Ich brauche in der Prosa nämlich tatsächlich furchtbar lang für ein paar Seiten. Andererseits fiel mir durch die Theatererfahrung der Umgang mit den Figurenstimmen leicht. Ich hatte schnell den Tonfall meines „Personals“ im Buch gefunden. Auch die Konzentration auf einen einzigen Tag, diesen 10. April 1938, an dem das Buch spielt, ist wohl eine „dramatische“ Setzung.

APA: Als Dramatiker sind Sie von einer Branche abhängig, die im vergangenen Jahr von monatelangen und auch im Moment andauernden Schließungen betroffen war und ist. Wie hat sich die aktuelle Lage auf Sie als Autor ausgewirkt?

Arzt: Es wurden Aufführungen abgesagt, manche verschoben, aber von wenig Publikum besucht. Die ganze Branche ist vorsichtig bis entnervt. Neue Auftragsarbeiten sind ebenfalls vertagt worden, aber man kann ja nicht immer mit der nächsten Spielzeit rechnen, von der wieder keiner weiß, wie es dann sein wird. Auch das Buch muss nun „online“ präsentiert werden. Keine leichte Sache. Ich bin allerdings froh, dass meine Familie und ich wohlauf sind. Staatliche Förderung gibt es. Das Geld wird aber auch hier weniger. Zum Glück konnte ich ein Hörspiel realisieren. Das Radio erweist sich als krisenresistenter als das Theater. Für die Zukunft braucht es aber mehr. Konzepte, die langfristig Zusammenhänge herstellen. Pandemien gehen mit der Zerstörung des Planeten einher. Wenn wir nicht grundsätzlich gegenlenken, stehen wir noch lange mit Maske da.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Thomas Arzt wurde 1983 in Schlierbach (OÖ) geboren und lebt in Wien. Er studierte Drehbuch und Theaterwissenschaft und hat sich mit Stücken wie „Grillenparz“ (2011), „Alpenvorland“ (2013), „Johnny Breitwieser“ (2014), „Die Österreicherinnen“ (2019) und „Hollenstein, ein Heimatbild“ (2020) auch international einen Namen gemacht. Nach Kurzprosa in Literaturzeitschriften und im Blog „Nazis & Goldmund“ ist „Die Gegenstimme“ nun sein erster Roman.

(S E R V I C E – Thomas Arzt – Die Gegenstimme”, Residenz Verlag, 192 Seiten, 20 Euro)

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