Die Globalisierung in Pielitz

„Vom Land“: Dominik Bartas bemerkens- und lesenswertes Debüt

Der oö. Autor Dominik Barta
Der oö. Autor Dominik Barta © Paul Zsolnay Verlag/Olivia Wimmer

Schon tagelang liegt Theresa, eine Bäuerin um die sechzig, darnieder.

Ein Rätsel. Krank von ehrlicher und jahrzehntelanger Arbeit? Kann nicht sein. Wie soll Erwin, Theresas Mann, jetzt allein die Landwirtschaft stemmen?

Dominik Barta beginnt „Vom Land“ ungemein stark. Rückzug Theresas neben den Kamin, ein dichtes Bild für ihren Gemüts- und Krankheitszustand.

Nach und nach tun sich weitere Konfliktfelder in den Verästelungen der Familie Weichselbaum auf. Die Ehe der Tochter Rosalie auf der Kippe, ihr Mann vergnügt sich mit der Frau des Filialleiters der örtlichen Bank.

Pielitz ein Ort, der gerne weiterhin in sich ruhen würde.

„Globalisierung“ etwas Abstraktes, das nahe Linz taugt für Einkaufstouren. Was haben also die Pielitzer mit dem Syrienkrieg zu tun? Im angrenzenden St. Marien eine Flüchtlingsunterkunft, ein Häuflein namens „Bewegung“ in Aufruhr. Auf der Gegenseite Daniel, der 12-jährige Enkel der Weichselbaums, der im Wald den 16-jährigen Syrer Toti kennenlernt. Ein Baumhaus als Schutz vor feindseligen Männern, Abenteuer- Romantik nach Art von Tom Sawyer und Huck Finn.

Mit lautem „Hurra!“ ins Getümmel

Der Leser ist hin- und hergerissen beim Debütroman von Dominik Barta. Als hätte sich der Grieskirchner, Jahrgang 1982, mit lautem „Hurra!“ ins Getümmel gestürzt. Auf nur gut 150 Seiten eine Ballung gesellschaftlicher Konflikte, erkennbar die Zuneigung Bartas zu Menschen „vom Land“. Präzise eingefangene Stimmungen, sprunghaft die Perspektiven, unfreiwilliges Abbild auch der Unruhe der Gegenwart (vor Corona).

Ohnehin schwer einlösbare Werte wie Arbeit, Ehe und Familie verändern sich. Vor allem die Alteingesessenen erleben konkret die Auflösung traditioneller Strukturen. Nächte vor dem Computer ersetzen das Wirtshaus, Sparbüchl und Kundenkontakt sind den Banken kaum noch Filialen wert. Die Figur des Bauern Erwin ein Archetyp. Körperliche Arbeit bis zum letzten Atemzug, Starrsinn und gut versteckte Warmherzigkeit.

Barta „spürt“ die Menschen, kurze Sätze zeichnen klare Bilder ihrer Lebenslagen. Weiche Sprache für die, die Anerkennung und Zuneigung ersehnen. Harte Sprache für die, die nur Hass als Antwort auf alles Fremde kennen. Wie Max, der Bruder des Ich-Erzählers, ein missgünstiger Profiteur globalen Wirtschaftens: „Meinen Bruder (…) hatte die rasante ökonomische Nachkriegsordnung in Österreich vom Schweinebauern zum Ingenieur katapultiert. Die historische Unwahrscheinlichkeit dieser Karriere bezahlte er damit, über den Reichtum, den er täglich scheffelte, keinen Funken Freude zu verspüren.“

Der nächste Roman Dominik Bartas könnte ein großer werden. „Vom Land“ ist die bemerkenswerte und lesenswerte Vorübung.

Dominik Barta: Vom Land, Paul Zsolnay. 176 Seiten, € 18,50

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