Die große Seuche Gier

    Schwarze Komödie: „Signore Volpone und seine Erbschleicher“ feierte beim Theaterspectacel in Wilhering Premiere

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    Von Christian Pichler

    Das venezianische Szenario geringfügig aktualisiert. Auf der Seite steht ein Laptop, von dem Signore Volpone die Börsenkurse abliest. Seine Geldscheine hortet er nicht in einer Truhe, sondern in einer Waschmaschine. Denn viel effektiver, als Geld zu klauen, ist, es weißzuwaschen. Ansonsten stellt dieser Volpone den Archetyp des reichen Mannes dar, dem nur noch ein Vergnügen bleibt: seine Bosheit auszukosten.

    Die Inszenierung zu zahm, zu wenig forsch

    Ben Jonson, ein Zeitgenosse Shakespeares und vor 400 Jahren erfolgreicher als der Rivale, erging sich mit „Signore Volpone und seine Erbschleicher“ in tief schwarzem Humor. Die Komödie, nachbearbeitet von Stefan Zweig, böte genug Stoff, uns die große Seuche der Gegenwart vors Antlitz zu zerren: die Gier. Aber die Inszenierung von Joachim Rathke zu zahm, zu wenig forsch. Unterhaltsames, auch heftig beklatschtes Sommertheater, Premiere war am Dienstag in der Scheune des Stiftes Wilhering.

    Mit Günter Rainer gibt ein Erzkomödiant den Volpone. Er mimt den Sterbenskranken, um die Speichellecker nicht nur zu blamieren, sondern ihnen auch das Geld aus der Tasche zu ziehen. Volpones treuer Diener Mosca (der kurzfristig als Schauspieler eingesprungene Rathke) assistiert bei der Schmierenkomödie, in der naturgemäß auch Treue keinerlei Bedeutung hat. Volpone röchelt ordentlich oder schnarcht den Schleimbeuteln ins Gesicht, die der Reihe nach antanzen. Tom Pohl mit verwegenem Scheitel der ideale Anwalt, rührt in jedem klaren Wässerchen, bis es trüb wird. Peter Woy ein rotgesichtiger Banker Corbaccio, immerhin beinahe aufrichtiger Erbschleicher. Corvino (Manuel Klein) ein wenig begabter Geschäftsmann, aber umso rührender um den Sterbenden besorgt.

    Einzelne Szenen funktionieren prächtig, die Gier tobt ungehemmt. Der paranoid eifersüchtige Corvino liefert seine fromme und aparte Frau Colomba (Daniela Dett) dem Volpone aus, weil ein Koitus den Alten endgültig um die Ecke bringen könnte. Katharina Hofmann ein wunderbar schamloses und abgefeimtes Weib mit Faible für kranke alte Männer.

    Herausragend der slapstickhafte Auftritt von Thomas Kolle, der als unterbelichteter Capitano die Lügengebäude der Erbaspiranten zum Einsturz bringt. Böse Ironie, dass ausgerechnet er, ein unendlicher Hohlkopf, am Ende als einziger „das Gute“ verkörpert.

    Alleine, diese Inszenierung findet nie ihren Rhythmus. Die erste Hälfte nur passabel, die zweite beschleunigt mit einem entfesselten Capitano und Gerichtsverhandlung. Man sieht diesen Theater-Kapazundern gerne zu, aber die Figuren bleiben fern. Fast könnte man glauben, nicht wir wären gemeint.

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    Termine, jeweils 20 Uhr: heute, 13., 14., 17. bis 21., 24. bis 29. 7. Karten: 0699/10976739