Die großen Fragen der Moral

Das Wiener Burgtheater eröffnete die Saison mit drei Premieren

„Das Leben ein Traum“: Norman Hacker, Franz Pätzold, Andrea Wenzl, Roland Koch und Johannes Zirner
„Das Leben ein Traum“: Norman Hacker, Franz Pätzold, Andrea Wenzl, Roland Koch und Johannes Zirner © Andreas Pohlmann Matthias Horn

Theater ist wichtig — wie wichtig, das zeigen die Wiener Häuser, die sich von keiner Pandemie aufhalten lassen, die Pforten zu öffnen und zu spielen, auch wenn sie ihre Zuschauerzahlen halbieren müssen und der Theaterbesuch für das Publikum zum mühevollen Ritual wird. Und dennoch — drei Abende, drei Premieren.

Düsteres Gedankendrama

Im Burgtheater eröffnet Direktor Martin Kusej mit einem von ihm inszenierten großen Klassiker, aus dem er ein großes, düsteres Gleichnis machte. „Das Leben ein Traum“ von Calderon de la Barca aus dem 17. Jahrhundert ist ein schweres Barockdrama mit großen Fragen der Menschheit. Wenn Prinz Sigismund, der von seinem Vater in einen Turm gesperrt wurde, für einen Tag Herrscher ist, muss er sich mit dem Problem der Macht und der Moral auseinandersetzen — und scheitert. Erst die Erkenntnis des Fehlverhaltens macht aus ihm am Ende den „Gerechten“, den man sich an der Spitze seines Staates erhofft.

So einfach sieht Kusej dieses Stück nicht, auch nicht die humoristische Nebenhandlung, die hineinverwebt ist, im Gegenteil. So, wie wir dem Prinzen Sigismund nicht einfach als Gefangenem in einem Turm begegnen, sondern als nacktem Körper auf einem Metallgestell, als befände man sich in einer Prosektur eines Fernseh-Krimis, so ist in der grau-schwarzen Welt, die rein vom Bühnenbild beschworen wird, im ganzen Abend kein Licht in der Finsternis zu verspüren. Sprich: ein schillerndes, oszillierendes Drama, das auch Fragen nach Traum und Wirklichkeit und der Täuschung des menschlichen Bewusstseins behandelt, versinkt in einer Art szenischer Gleichförmigkeit.

Kusej hält auch die Schauspieler zu seltsamer Zurückhaltung an, wobei der Oberösterreicher Norman Hacker den alten König Basilius als Schwächling zeichnet, während der trotz seiner Jugend schon mit (Film-)Ruhm bedeckte Hauptdarsteller Franz Pätzold als Sigismund weit zurückhaltender ist, als es sein Schicksal erfordern würde. Schade, dass das düstere Gedankendrama zu wenig von dem bekam, was man schlicht und einfach als „Theater“ bezeichnet.

Überschriebene „Antigone“

Um Macht, Politik, Verantwortung, Menschlichkeit, also gleichfalls um moralische Fragen, ging es in der ersten Premiere im Akademietheater — und da hat der oberösterreichische Autor Thomas Köck die Möglichkeit erhalten, die „Antigone“ des Sophokles gewissermaßen zu „überschreiben“. Herausgekommen ist, wie der Untertitel sagt, „Ein Requiem“, das der Autor auf hier und heute zugeschnitten hat — nämlich auf das Thema Flüchtlinge. Sie liegen als Leichen am Strand, Antigone (die Stimme der moralischen Verantwortung) will sie begraben, der König (die Stimme der Notwendigkeiten des Staates) leugnet das Problem und die damit verbundene Verantwortung.

Das Ergebnis ist weniger ein Theaterstück im üblichen Sinn, als eine Diskussion bekannter Argumente, die auch nicht „dichterischer“ wird, wenn sich die sieben Protagonisten im Sinne des antiken Vorbilds immer wieder zu einem Chor zusammen finden. Was hier aufgeblättert wird, ergäbe eher Material für eine Fernsehdiskussion, wenn auch Sarah Viktoria Frick als kraftvoll-sture Antigone und Markus Scheumann als der glatte, ausweichende, Phrasen dreschende Politiker zwei überzeugende Gegenspieler sind.

Grelle, bunte Show

„Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ nennt sich die dritte Burgtheater-Premiere, diesmal im Kasino, und man beachte das „oder so“. Es bezieht sich darauf, dass die schottische Dramatikerin Isobel McArthur den berühmten Roman von Jane Austen zu einer grellen, bunten Show verarbeitet hat, wo die gestrigen Probleme einer gestrigen englischen Gesellschaft zum heutigen Bühnenspaß wurden, außerordentlich gekonnt und begabt dargeboten von fünf Studierenden des Reinhardt Seminars, denen man angesichts ihres Könnens wirklich Karrieren voraussagen möchte.

Termine: www.burgtheater.at

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