Die „Großmutter Europas“

Sie war als populärste Monarchin Europas die Herrscherin über ein Viertel der Welt und begründete eine Stilepoche. Aber sie war auch Mutter, gebar neun Kinder, hatte 40 Enkelkinder, 88 Urenkerl und mit Elizabeth II. regiert heute eines ihrer Ururenkelkinder bereits seit 67 Jahren das Vereinigte Königreich: Die britische Queen Victoria, deren Geburtstag sich heuer am 24. Mai zum 200. Mal jährt, wird aufgrund ihrer Kinderschar und Heiratspolitik auch „Großmutter Europas“ genannt. Sie ist nicht nur die zweitlängste Regentin Großbritanniens, sondern auch Begründerin eines erfolgreichen Familienunternehmens, das bis heute Bestand hat.

Queen Victoria © picturedesk.com/Interfoto/Sammlung Rauch

Prinzessin Alexandrina Victoria von Kent, von ihrer Familie „Drina“ genannt, hatte eben erst ihren 18. Geburtstag und somit die Volljährigkeit gefeiert, als sie am 20. Juni 1837, dem Todestag ihres Onkels, König Wilhelm IV. von England, den britischen Thron bestieg. Für diesen war sie als ursprüngliche Nummer fünf der Thronfolge eigentlich gar nicht vorgesehen und ebenso wenig ausgebildet. Gleichzeitig war das öffentliche Ansehen der Krone auf einem Tiefpunkt gelandet.

Doch das änderte sich. Als Victoria ein Jahr später, am 28. Juni 1838, in der Westminster Abbey gekrönt wurde, waren 400.000 Menschen nach London gekommen, um dem Schauspiel auf den Straßen der Stadt beizuwohnen. Schon im Jahr zuvor hatte Victoria ihren Hofstaat vom Kensington Palace in den umgebauten Buckingham Palace verlegt, der damit erstmals und bis heute als offizielle Hauptresidenz der britischen Monarchie dient(e).

Victoria, die im Jahr 1876 auch zur Kaiserin Indiens erhoben wurde, war exakt 63 Jahre, sieben Monate und zwei Tage lang Königin, Keine(r), nur ihre Ururenkelin Elizabeth II., saß länger auf dem britischen Thron. Während ihrer Regierungszeit erreichte das Empire den Höhepunkt seiner politischen und ökonomischen Macht. Von Beginn an hatte Victoria starke Lehrmeister an ihrer Seite: Im 40 Jahre älteren Premierminister William Lamb, dem 2nd Wiscount Melbourne, sah sie ihren Mentor und Ersatzvater. Ihr Ehemann und Cousin Albert von Sachsen-Coburg und Gotha wurde später zwei Jahrzehnte lang zu ihrem wichtigsten politischen Ratgeber.

Große Liebe ihres Lebens

Albert hatte die künftige Königin als 17-Jährige während eines Verwandtschaftsbesuchs in London kennengelernt. Beide waren durch eine unglückliche Kindheit verletzt, beide liebten die Musik. Für die Monarchin war es eine Liebeshochzeit. Der bei den Briten zunächst nicht allzu beliebte deutsche Prinz dürfte die Ehe, die am 10. Februar 1840 geschlossen wurde, nüchterner gesehen haben — Sie sollte fast 21 Jahre andauern.

Die Königin trennte zunächst streng zwischen Privatleben und Herrschaftsamt. Dies änderte sich mit der Geburt der Kinder. Fortan stand Victoria politisch stark unter dem Einfluss ihres Mannes. Er führte im Hintergrund die Amtsgeschäfte. In einem Brief an ihre älteste Tochter schrieb die Monarchin in späteren Jahren: „Er war für mich alles, mein Vater, mein Beschützer, mein Führer, mein Ratgeber in allen Dingen, ich möchte fast sagen, er war mir Mutter und Ehemann zugleich.“

Neun Kinder und eine Heiratspolitik

Innerhalb von 20 Jahren brachte Victoria neun Kinder zur Welt, vier Söhne (Edward, Alfred, Arthur und Leopold) und fünf Töchter (Victoria, Alice, Helena, Louise und Beatrice) — ihre ersten fünf innerhalb von nur sechs Jahren. An einige ihrer Kinder vererbte sie als Überträgerin die Bluterkrankheit (Hämophilie). Da sie ihre Schwangerschaften und Geburten als Qual sah, ließ sie sich bei der Geburt ihrer Jüngsten von ihrem Arzt durch Chloroform betäuben. Sowohl Victoria als auch Albert hatten wenig Ahnung von Kindererziehung, Daher wurden strenge Grundsätze erarbeitet. Die 1940 erstgeborene Prinzessin Victoria erhielt etwa bereits mit eineinhalb Jahren Französisch-, mit drei Jahren Deutschunterricht. Mit dem Drill konnte sie besser umgehen als der ein Jahr später geborene Kronprinz Albert Edward, genannt „Berti“. Auf Windsor Castle als privatem Rückzugsort wuchsen die Kinder geschützt auf. Die entscheidendere Rolle in der Erziehung spielte allerdings der Vater, der eigensinnigen Königin waren zu seinen Lebzeiten ihre Kinder ziemlich gleichgültig, hieß es.

Die Prinzen und Prinzessinnen sollten allerdings zu moralisch gefestigten Persönlichkeiten heranwachsen, die gut auf ihre Aufgabe vorbereitet waren. Ihren Nachwuchs als Instrument der Friedenssicherung geschickt in Europas Fürstenhäuser zu verheiraten, das war das Ansinnen der Monarchin. Und es trug Früchte: Tochter Viktoria war Königin von Preußen, kurzzeitig deutsche Kaiserin und Mutter von Kaiser Wilhelm II. Enkelin Alix war mit dem letzten russischen Zaren Nikolaus II. verheiratet. Albert Edward folgte seiner Mutter als Edward VII. im Jahr 1901 auf den britischen Thron nach. Eine der Töchter war stets als Gesellschafterin in ihrer Nähe. Für ihre Enkel, um die sie sich weit liebevoller kümmerte, als um ihre Kinder, bestimmte sie, dass alle ihren Namen oder den Alberts tragen sollten.

„Witwe von Windsor“

Ihrem Ältesten gab die Königin die Schuld am frühen Tod seines Vaters. Albert starb 1861 mit nur 42 Jahren auf Windsor Castle an Typhus, wie es damals hieß, nur neun Monate nach dem Tod von Victorias Mutter. Kurz zuvor hatte er sich noch mit dem in Cambridge studierenden Edward zu einer Aussprache wegen dessen unstandesgemäßer Liebesaffäre getroffen, bei einem Spaziergang im Regen.

Victoria zog sich in der Folge tief getroffen aus London und der Öffentlichkeit zurück und trug nur noch Schwarz während der „Prince of Wales“ zusehends öffentliche Auftritte übernahm. Aus der „Großmutter Europas“ wurde die einsiedlerische „Witwe von Windsor“. Die Königin verlor dadurch auch einen Großteil ihrer Popularität. Die Royal Albert Hall und das Albert Memorial, deren Bau sie in dieser Zeit in Auftrag gab, sollten Gedenkstätten für den geliebten Verstorbenen sein. Emotionalen Zugang zur Königin hatte zunächst nur ihr schottischer Diener John Brown. Er wurde zum Freund und zur seelischen Unterstützung für die Queen, wodurch ihnen auch ein Verhältnis, aus dem ein Kind stammen sollte, angedichtet wurde.

Erst Mitte der 1870er-Jahre verabschiedete sich Victoria aus der selbstgewählten Abgeschiedenheit und wurde mehr und mehr wieder zur Landesmutter der Briten. Ihr Goldenes Thronjubiläum 1887 wurde zu einem riesigen Familienfest mit ihren Kindern, Schwiegersöhnen und -töchtern, Enkelkindern und Urenkeln.

Das Who is Who der Royals

Heute ist die Stammtafel der Saxen-Coburg-Gotha/Windsor weit verzweigt und liest sich wie das Who is Who des europäischen Hochadels. Sie beinhaltet nicht nur die Queen in direkter Abstammung von Königin Victoria sondern auch den Prinzgemahl Philip, zudem unter anderem den früheren Spanischen König Juan Carlos und dessen Ehefrau Sofia, den Schwedischen König Carl XVI. Gustav, König Harald V. von Norwegen oder die Dänen-Königin Margarethe II.

Victoria, die am 22. Jänner 1901 im Alter von 81 Jahren auf ihrem Landsitz Osborne Haus starb, und Albert liegen heute Seite an Seite im Royal Mausoleum von Frogmore im Park von Windsor begraben. Zahlreiche Monumente — etwa das Memorial vor dem Buckingham Palace, der Victoria Tower, oder die Statue vor dem Kensington Palace — zeugen von der großen Monarchin, die das 19. Jahrhundert so stark geprägt hatte.

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