Die Güte des Herzens

Theaterprojekt „Vertrauen wie Feuer“ über Frère Ro ger in Puchberg

Liest: Schauspielerin Bettina Buchholz
Liest: Schauspielerin Bettina Buchholz © Volker Weihbold

Am 16. August 2005 attackierte eine psychisch kranke Frau den 90-jährigen Frère Roger mit einem Messer. Sie stach zwei Mal in seinen Hals und leistete danach keinen Widerstand. Keine Panik, keine lauten Worte unter den Hunderten Anwesenden in der Versöhnungskirche in Taizé. In der Nacht verkündete Frère Francois den Tod von Frère Roger und

sagte: „Auf Gewalt können wir nur mit Frieden antworten.“ Worte ganz im Geiste Frère Rogers. „Frère“ heißt „Bruder“, der als Roger Schutz Geborene war Gründer und erster Prior der ökumenischen Communauté de Taizé, einem kleinen Ort in Burgund. Frère Roger eine ungeheuerlich inspirierende Gestalt, eine Art Franz von Assisi des 20. Jahrhunderts.

Ob jemand gläubig, religiös etc. ist oder auch nicht: Erhaltene Videoaufnahmen zeigen eine ikonische Gestalt, deren zutiefst menschenfreundliche Spiritualität bis heute spürbar ist.

Aufwühlende Darstellung

Ein Glücksfall, dass sich die Wege Frère Rogers und des heute in Linz lebenden Psychotherapeuten und Theatermachers Johannes Neuhauser jahrelang immer wieder kreuzten. Neuhauser nutzte die letzten Monate, um seine Erfahrungen in der Theaterproduktion „Vertrauen wie Feuer“ zu bündeln. Er schrieb den Text, seine bühnenerfahrene Lebensgefährtin, die Schauspielerin Bettina Buchholz, redigierte. Das Resultat sind neunzig im besten Sinn aufwühlende Minuten, Premiere der Lesung mit Videodokumenten war am Freitag im Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels.

„Jeder Mensch erlebt die Wüste der Angst am eigenen Leib.“ Worte Frère Rogers, die direkt ins Herz der je eigenen Existenz zielen. Neuhauser fuhr erstmals Mitte der 1970er mit Freunden nach Taizé, das bis heute junge Menschen anzieht. Im erhofften „christlichen Woodstock“ die Erfahrung der Stille: Während einer Messe wurde eine Bibelstelle gelesen, danach statt hochtrabender Interpretation — zehn Minuten Schweigen.

Den Geist spüren

Neuhauser interviewte später für den ORF Frère Roger, begleitete ihn auf die Reise in die Slums von Manila. In den Filmen ein Gesicht, das Güte verströmt. Und ein Mensch, der auch die dunklen Abgründe kennt. Im Krieg schleuste er Juden und politisch Verfolgte in die neutrale Schweiz, die Bruderschaft pflegt diese Tradition bis heute und beherbergt aktuell syrische Flüchtlinge.

Bettina Buchholz trägt klar und eindringlich vor, nimmt sich aber merklich zurück, lässt etwas vom stillen starken Geist Frère Rogers spüren. Neuhauser schlägt manche Brücke in die Gegenwart. Zurück in die „Normalität„ vor Corona, mit ökonomisch ausgerichteter Selbstoptimierung? Oder beten? Singen? Gar leben?

4. 10. & 15. 11. (jeweils 18 Uhr), Tel. 07242/47537

Von Christian Pichler

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