Die Hölle in der Toskana

Rache der Frauen: Irene Diwiaks zweiter Roman „Malvita“

Schriftstellerin Irene Diwiak
Schriftstellerin Irene Diwiak © Leonhard Hilzensauer/Zsolnay

An Kinofilmen ist ein verunglücktes Finale besonders deutlich erkennbar. Das Paradebeispiel „Die purpurnen Flüsse“, Mathieu Kassovitz’ Thriller von 2000: Aus dem Nichts rückt plötzlich die böse Schwester ins Bild und liefert sich eine übel choreografierte Balgerei mit dem Co-Helden Vincent Cassel. In „Malvita“ (Zsolnay), dem zweiten Roman der steirischen Autorin Irene Diwiak, kommt seltsam gestrickten Schwestern ebenfalls eine tragende Rolle zu. Über 250 von 300 Seiten baut Diwiak Spannung auf und biegt dann Richtung diffuse, geradezu metaphysische Überhöhungen ab. Das Schlusskapitel betitelt „Showdown“, die Autorin flüchtet sich endgültig in die Abteilung Trash. Die Motivfäden geraten durcheinander, Rache an bis heute anhaltender patriarchaler Macht und Gewalt verknäult sich mit dem Motivkomplex Sexualität/Schmutz/Sünde. Könnte witzig sein, aber wirkt hingerotzt. Die kreativen Kräfte Diwiaks am Ende erschöpft? Die Latte lag nach Diwiaks Romandebüt „Liebwies“ (2017) enorm hoch. Das Buch war auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises gelandet, auch das VOLKSBLATT rezensierte enthusiasmiert. Die Geschichte einer Sängerin, die zwar nicht singen kann, aber hübsch ist. Eine aberwitzige Groteske, die auch noch famos die Jahre nach 1918 und den Weg in Faschismus und Massenmord einfing.

Das Tor zur Hölle

Wie nach „Liebwies“ noch eins drauflegen? Diwiak entführt in „Malvita“ in die Toskana, die nicht einfach ein herrlicher Flecken Erde, sondern Tor zur Hölle nach Dante’schem Vorbild ist. Diwiak beginnt den Roman in aller kecken Unschuld wie eine Teenie-Geschichte: Liebesleid der wenig selbstbewussten Heldin Christina, die von der Mutter in die Toskana zur schwerreichen Verwandtschaft entsandt wird. Dort soll Christina die Hochzeit ihrer Cousine Marietta fotografieren. Ort der Handlung ist eine palastartige Villa außerhalb des Dorfes Malvita, das einst Bellvita hieß, bis eine Lederfabrik dem Dorf ökonomischen Aufschwung und Dauergestank bescherte. Die Braut hübsch wie ein Filmstar, ihre Schwester Elena ein Model (sie „präsentierte sich von allen Seiten wie ein Brathuhn am Spieß“). Ihre Mutter, Christinas Tante Ada, gern aufgetakelt wie eine Operettendiva („als hätte man sie in flüssiges Gold getaucht“). Die männlichen Wesen Schattenexistenzen, der Bräutigam zunächst nur das bewusst gesetzte Klischee des Macho-Italieners mit viel Gel im Haar. Christina verloren zwischen uniformierten Dienstboten in der riesigen, labyrinthischen Prachtvilla, spricht auch kaum ein Wort Italienisch. Bei ihrem ersten Ausflug nach draußen stolpert sie über eine Leiche: die als Hochzeitsfotografin auserkorene Blanca. Erst ein gemächlich plätscherndes Bächlein, steuert „Malvita“ auf die große Verschwörung zu. Von Gewalt geprägte Lebensläufe, der heroische Tod der Suffragette Emily Davison, Rachefeldzug für mit Säure verunstaltete Frauengesichter. Diwiak hat ein gutes, spannendes, und düsteres Buch geschrieben. Wieder viele Sätze, die der Leser ob der Formulierungskünste der Autorin abbusseln möchte. Eine Satire auch über die Welt der Reichen, doch bleibt das Unbehagen, dass der Autorin die Story mittendrin entglitten ist.

von Christian Pichler

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