Die Kinder und die Narren

Cornelia Metschitzer, Leiterin der Tribüne Linz, im Gespräch

Theatermacherin Cornelia Metschitzer
Theatermacherin Cornelia Metschitzer © Reinhard Winkler

Cornelia Metschitzer, 1968 in Steyr geboren, betreibt seit 2013 mit Rudi Müllehner die Tribüne Linz.

Metschitzer inszenierte zuletzt die hinreißende Annäherung „Romy Schneider – Die Geschichte einer Schauspielerin“ von Paula Kühn. Ein Gespräch über Kreativität, mit finalem Notruf.

VOLKSBLATT: Wir sollten „erwachsen“ sein, lernte ich. Rational und „realistisch“. Wie passt da Inspiration rein?

CORNELIA METSCHITZER: Kunst passiert mir oft, ich hab das vorher nicht immer ausgeklügelt. Eigentlich staune ich bei jeder Probe, was da kommt, aus dem Nichts, dem Augenblick, dem plötzlichen Einfall. Natürlich setzt man sich mit einem Stück auseinander. Ich kann meine Gedanken nie wegschalten, die ganze Probenzeit nicht. Das begleitet mich bis zur Supermarkt-Kassa, man sieht dann alles vor diesem Hintergrund der jeweiligen Arbeit. Vermischt Realität mit Fantasie. Es ist vielleicht die Wahrnehmung der Kinder und der Narren.

Eine freundliche Art von Besessenheit?

Ich hab’ das Glück, dass mich meine Arbeit nicht loslässt. Sobald ich Feuer gefangen habe an einem Stück, kriege ich eine andere Wahrnehmung. Ein Auge spinnt dahin, eins denkt über das Gesponnene nach. Das ist genau das Verfahren auch bei der Inszenierung. Fantasieren, Denken, was Eigenes kreieren. Du siehst beides gleichzeitig, die Realität und das, was du dir dazu denkst. Das eine geht ins andere über.

Als Kind ermahnten einen die „Großen“ gerne, man wäre ein Träumer.

Meist denkt man was weg, will nicht sehen, was ist. Das ist eine Verarmung. Oder man verwendet eine Schablone, das ist eine noch größere Verarmung, das Gleichgemachte. Die Welt wird bunter, wenn viele sie anders sehen. In Probenphasen bin ich oft sehr glücklich, fast euphorisch. Oft lächle ich beim Gehen. Die Leute fühlen sich angesprochen und lächeln zurück auf der Straße. Schon ist die Realität verändert. Es ist eine Freude.

Eine Frage der Durchlässigkeit?

Verinnerlichung ist für mich wichtig. Nichts abprallen lassen, dich nicht imprägnieren lassen. Durchlässig sein. Einfühlen, mitleiden, sublimieren. Sublimierung betreib’ ich ständig, verwandle Negatives, Schmerzhaftes in was Gutes, Sinnvolles. Alle meine Sehnsüchte werden da verarbeitet. Im echten Leben zweifle ich oft, aber am Theater, als Regisseurin entscheide ich schnell, ob was stimmt. Was aus einem Guss kommt, hat gute Chancen, dass es hält. Ich lasse auch viel improvisieren, damit wir eine Basis haben und dann verbessern wir. Manches, meist Szenen, die sehr emotional sind, läuft von selbst.

Bleibt das Problem der Umsetzung.

Handwerk ist auch wichtig, die Dramaturgie. Wie passt was zusammen, wo sind Längen. Das kann man bald, wichtiger ist die Fantasie. Und Hände weg vom Realismus oder von der Konvention! Auf der Bühne kannst du spielen wie die Kinder. Du brauchst die Wahrnehmung der Kinder, die Realität und Fantasie vermischen. Die behaupten, dass der Besen jetzt das Pferd ist und nicht mehr runtersteigen davon.

Vom Theaterzauber zum Geld. Übersteht die Tribüne die Krise?

Ohne öffentliche Hilfe bestimmt nicht. Theater ist kein Ego-Trip und geht nur im Ensemble. Es ist für Publikum gemacht, ohne Publikum auch keine Einnahmen. Corona hat uns alle lahmgelegt. Aber Kunst und Kultur ist das Herz- und Seelenfutter der Gesellschaft. Ein permanentes Solidaritätsprojekt. Wir hoffen.

 

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