Die „Klima-Moderne“ im Museum: „Vienna Biennale for Change“

„Die große Transformation liegt in der Luft. Das ist genau das Problem, denn wir sollten schon längst mitten drinnen sein.“ So begann MAK-Generaldirektor Christoph Thun-Hohenstein am Donnerstag die Pressekonferenz zu der heute startenden „Vienna Biennale for Change“, die sich unter dem Titel „Planet Love“ der „Klimafürsorge im Digitalen Zeitalter“ widmet. Bis 3. Oktober gibt es eine Vielzahl von Ausstellungen und Veranstaltungen im MAK und in Partnerinstitutionen.

Thun-Hohenstein, dessen Amtszeit Ende August endet, hatte 2015 die „Vienna Biennale“ gegründet, die sich multidisziplinär dem „positiven Wandel“ widmet. Seit 2019 heißt sie „Vienna Biennale for Change“. Die Themen sind in dieser vierten Ausgabe nur noch brennender geworden, und entsprechend groß waren die Worte, die für die Ankündigung des heute um 18.30 Uhr mit einer virtuellen Eröffnung beginnenden Programms gewählt wurden. Von einer „überschaubar großen Biennale mit einem großen Anspruch“ sprach der MAK-Leiter und versprach „eine geballte Ladung Zukunft, in die Gegenwart geholt! Es geht um ein Zukunfts-Mindset, das manche schon haben, manche aber noch nicht. Die Klimafrage ist noch nicht ausreichend in den Köpfen und den Herzen der Menschen angekommen. Wir versuchen, mit dieser Biennale aktive Hoffnung zu vermitteln und zu ermutigen, sich zu beschäftigen, sich zu engagieren und selbst zu handeln.“

Durch die Corona-Pandemie sei die Klimafrage im öffentlichen Bewusstsein vorübergehend verdrängt worden, sagte Thun-Hohenstein. Es gehe aber um nichts weniger als um eine neue Moderne, die ökologisch und sozial angelegt sein müsse. Diese „Klima-Moderne“ wolle „keine Verzichtsdiskussion“, sondern sehe sich als „eine große Gestaltungsaufgabe. Es wäre völlig absurd, wenn die Künste bei dieser Gestaltungsaufgabe keine wichtige Rolle spielen würden.“ Bei der „Klimafürsorge“ müsse man zudem „die digitalen Innovationen“ gezielt einsetzen.

In der zentralen MAK-Schau „Climate Care. Stellen wir uns vor, unser Planet hat Zukunft“ werden unzählige Themen angesprochen und wird das exemplarisch verwirklicht, was Hubert Klumpner, Architekt und Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich so ausdrückte: „Heute geht es darum, dass Kunst und Kultur die Wissenschaft beeinflussen. Aber auch die Wissenschaft beeinflusst die Kunst.“ Empfangen wird man hier von einem Groß-Foto von Andreas Gursky aus einem Amazon-Bücherlager und von einer digitalen Klima-Uhr, die runterzählt, wie viel Zeit uns noch bleibt, bis sich das Window of Opportunity zum rechtzeitigen Bremsen des Klimawandels schließt: 6 Jahre und 219 Tage waren es am heutigen Donnerstag.

In einer Unzahl von Kunst- und Wissenschaftsprojekten wird man u.a. daran erinnert, dass auch die Architekturbiennale in Venedig sich derzeit mit den Fragen des Überlebens auf diesem Planeten auseinandersetzt. Viele Projekte kommen aus dem Sektor von Architektur und Stadtplanung. Man wird mit „Environmental Urbanism“ und „Ecosystemic Urbanism“ konfrontiert, erfährt Wissenswertes über Zero Waste Fashion und dezentrale Energiesysteme, lernt darüber, wie Kleidermotten sinnvoll für Nachhaltigkeit eingespannt werden können und freut sich über ein ZUV, ein Zero Emission Utility Vehicle. Man bekommt den Eindruck, dass die „große Transformation“ tatsächlich an vielen Stellen schon im Gange ist, und kann viele neue Erkenntnisse und Anregungen mitnehmen. Dass unter den 120 Beiträgen aus allen Teilen der Welt eindeutig mehr Wissenschaft als Kunst zugange ist, sollte nicht schrecken.

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Mitten im Rundgang landet man plötzlich im Wald. „Invocation for Hope“ heißt eine immersive Installation, die das Team des anglo-indischen Design- und Kunststudios Superflux unter dem Glasdach der Großen Ausstellungshalle aufgebaut hat. 400 verbrannte Bäume, die kürzlich bei einem Waldbrand in der niederösterreichischen Region Neunkirchen in Mitleidenschaft gezogen wurden, wurden hier zu einer begehbaren Kunst-Landschaft modelliert. Dafür, dass hier nicht nur durch einen langsamen natürliche Kreislauf, sondern schon etwas früher neues Leben entsteht, zeichnet die Gärtnerei Starkl verantwortlich. Ein Wasserloch in der Mitte, in dem Projektionen auftauchen sollen, rund um die Moose und Farne wabernde Nebel und ein spezielles Akustik-Design geben dem Setting etwas stark Künstliches, gewollt Mythisches und lassen an die ähnliche, weit größere, aber auch doch weit nüchterne und vom Künstler Max Peintner inspirierte „For Forest“-Installation im Klagenfurter Stadion denken.

Neben der Hauptausstellung – und zahlreichen Initiativen von Projektpartnern wie der Universität für angewandte Kunst Wien, der Kunsthalle Wien, dem Architekturzentrum Wien und dem Kunst Haus Wien – beschäftigen sich im MAK weitere kleinere Präsentationen mit dem großen Thema: „Foster – The Soil and Water Residency“ zeigt im Design Lab erste Resultate eines von Angelika Loderer initiierten Projekts im Selbsterntegarten in Hirschstetten, wo elf Künstlerinnen und Künstler zum Experimentieren eingeladen waren, „Digital & Circular“ zeigt im Kunstblättersaal „Wege in die Kreislaufwirtschaft“ und in „Climate Pandemics – Dark Euphoria“ widmen sich Kerstin von Gabain und Ivan Perard der Klima-Dystopie. „Sci-Fi kann uns helfen, uns mit einer Zukunft auseinanderzusetzen, die es hoffentlich nicht geben wird“, sagte Kuratorin Marlies Wirth. „ Die Frage ist: Wie können wie versuchen, postapokalyptisch zu leben, ohne zuerst die Apokalypse erleben zu müssen.“

Eher optimistisch sieht dagegen Christoph Thun-Hohenstein die Zukunft der „Vienna Biennale for Change“: „Nach vier Ausgaben wäre es sehr traurig, wenn man dieses spannende Unterfangen beenden würde, das ja immer aktueller wird. Insofern bin ich zuversichtlich, dass die ‚Vienna Biennale‘ weitergeführt wird.“

(S E R V I C E – „Vienna Biennale for Change“, 28. Mai bis 3. Oktober, viennabiennale.org)

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