Die Kulisse für „Stille Nacht“

Auf Umwegen gelangte sie vor vielen, vielen Jahren nach Ried im Innkreis: die Stille-Nacht-Krippe, jene Krippe, vor der vor 200 Jahren zum allerersten Mal das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ erklang. Heute ist sie einer der großen Schätze des dortigen Volkskundehauses, Mittelpunkt einer Ausstellung und Anfangs- und Endpunkt eines neuen Krippenweges.

Hochzeit zu Kana © Museum Innviertler Volkskundehaus

Text: Melanie Wagenhofer

94 menschliche Figuren und 50 tierische Akteure tummeln sich in der großen Kirchenkrippe aus der Zeit um 1800. Vor ihr haben Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber am 24. Dezember 1818 im Anschluss an die Christmette erstmals „Stille Nacht, Heilige Nacht“ erklingen lassen. Das Lied berührte die Herzen und trat alsbald seinen Siegeszug um die ganze Welt an. Der Krippe gab es ihren Namen. Deren Figuren sind — typisch für Krippen aus der Inn-Salzach-Gegend — aus einzelnen Holzelementen, die mit Drähten verbunden und so beweglich sind. „So kann man sie verschiedene Positionen einnehmen lassen“, erklärt Sieglinde Frohmann, Leiterin des Museums Innviertler Volkskundehaus und der Kulturabteilung der Stadt Ried. Die Köpfchen der Figuren sind aus Wachs und die meisten Äuglein – und das ist eine Besonderheit – aus Glasperlen. Von deren Schöpfern sei nichts bekannt, so Frohmann, die feinen, aufwendigen Kleidchen aus schönen Textilien, die die Krippenfiguren tragen, könnten darauf hinweisen, dass es sich um Arbeiten aus einem Frauenkloster handelt.

Über Umwege kam die Krippe nach Ried/I.

Die Krippe war also zu Zeiten der Uraufführung von „Stille Nacht“ in der Nikolauskirche in Oberndorf bei Salzburg aufgestellt. Als die Kirche immer wieder von Hochwassern bedroht wurde, entschloss man sich schließlich dazu, sie schleifen zu lassen. „Schuld an der ständigen Bedrohung war die Regulierung der Salzach in der Stadt Salzburg“, erklärt Frohmann. Die Kirche wurde für baufällig erklärt, 1906 abgerissen und an einem höheren Standort eine neue errichtet. In die neue Kirche zog die vorhandene Krippe nicht mehr mit ein, man empfand sie als zu „alt und verstaubt“, so die Pfarrchronik, und schenkte sie den „ehrwürdigen Schulschwestern von Oberndorf …, die sie lange Jahre unverwendet im Dachboden aufbewahrten“. Als die Ordensfrauen in Geldverlegenheiten gerieten, verkauften sie die Krippe an eine Salzburger Trödlerin. Dort entdeckte sie wiederum ein gewisser Georg Muckenhammer aus Ostermiething und kaufte sie an. Über ihn gelangte die Krippe schließlich in die Sammlung seines Freundes, des Pfarrers Johann Veichtlbauer aus St. Pantaleon, den Heimatpfarrer, der alles, was mit Heimat und Religion, vom Altärchen bis Hinterglasbilder, eifrig gesammelt hat.

Als Veichtlbauer sich 1933 zur Ruhe setzte und den Pfarrhof verlassen musste, wusste er nicht, wohin mit seinen Schätzen und suchte jemanden dafür unter der Bedingung, dass es ein eigenes Gebäude für die volkskundliche Sammlung geben müsse. Es fanden sich zwar jede Menge Bewerber für die Objekte, allein in Ried schaffte man es, auch ein Gebäude zur Verfügung zu stellen. Max Bauböck vom Rieder Musealverein bewerkstelligte das im leerstehenden Wirtschaftsgebäude des Pfarrhofes und legte damit den Grundstein für das Volkskundehaus, und das just an jenem Ort, an dem Franz Xaver Gruber einst seine Lehramtsprüfung für den Unterricht an Trivialschulen abgelegt hatte. Das Haus wurde für die Sammlung adaptiert und im September 1933 eröffnet. Neben eigenen Beständen der Rieder zog die 5500 Objekte und 30.000 Heiligen- und Andachtsbildchen umfassende Sammlung des Pfarrer Veichtlbauer ein. Darunter die berühmte Krippe.

„Prograder“ führt Hochzeit zu Kana an

Betritt man den Raum im Innviertler Volkskundehaus, der der Stille Nacht-Krippe, die Pfarrer Veichtlbauer einst als „größten Krippenschatz der Sammlung“ bezeichnet hatte, dauerhaft gewidmet ist, dann ist es zunächst dunkel, Nacht. Ein dezenter Spot richtet sich auf die Krippe, die sich auf einer Breite von sechseinhalb Metern zeigt. Acht verschiedene Kopfhörer und dazu passende Beleuchtung lenken das Augenmerk auf einzelne Szenen, die sich in der Krippe abspielen. Da ist neben der Heiligen Familie einmal die Anbetung der Hirten und es ziehen die Heiligen Drei Könige hin zum Jesuskind. Jeder König mit seiner Karawane, der eine mit Kamelen und Dromedaren, der andere auf Elefanten, der dritte mit Pferden. Vollständig erhalten ist der Hochzeitszug zu Kana – nicht zu verwechseln mit dem häufig dargestellten Mahl — , an dessen Spitze der „Prograder“ (von lat. procurator), der typische Hochzeitslader aus der Gegend mit Stock mit Blume, Bändern und geschmücktem Hut marschiert. Die biblischen Themen sind in die Heimat übertragen: Die Hirten sind in der Bauern- und Schiffertracht der Zeit um 1800 dargestellt, auch eine Bäuerin mit schwarzem Kopftuch ist darunter. Andere Szenen, die einst noch in der Krippe Platz gefunden haben dürften, können aufgrund von nur mehr teilweise vorhandener Beständen nur vermutet werden, so Frohmann: So lasse eine größere Anzahl von Soldatenfiguren darauf schließen, dass auch der Kindesmord zu Bethlehem hier Darstellung gefunden haben könnte, viele hohe Priester darauf, dass auch die Beschneidung Jesu im Tempel gezeigt worden ist.

Zum Jubiläum wurden umfassende Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten vorgenommen. Der Krippenberg, der schon zu Pfarrer Veichtlbauers Zeiten vom Holzwurm zerfressen war und von dem nur Reliefs aus der Stadtkulisse erhalten waren, wurde ebenso erneuert wie die Landschaft, die jetzt das Alpenpanorama von Oberndorf aus zeigt.
„Der Zusammenhang mit dem berühmten Weihnachtslied macht die Krippe so besonders“, erklärt Frohmann. „Das Wissen darum wurde mündlich überliefert.“ So habe die Salzburger Trödlerin von den Oberndorfer Schulschwestern erfahren, dass vor der Krippe „Stille Nacht“ gespielt worden sei, sie hat das an Muckenhammer weitergegeben usw.. Die früh einsetzende Stille Nacht-Forschung habe die Historie gesichert.

Zum 200-Jahr-Jubiläum wurde jetzt auch in Ried ein Stille-Nacht-Krippenweg eröffnet, auf dem 50 Krippen aus dem Bestand des Volkskundehauses und Leihgaben in Schaufenstern an 30 Stationen ausgestellt werden.