Die leere Brust des Dick Cheney

Oscar-nominiert: Polit-Satire „Vice“ mit Christian Bale zum Fürchten

Von Mariella Moshammer

Nichts pocht und pulsiert, nichts tut sich da in der Brusthöhle von Dick Cheney, Vizepräsident der USA: gähnende Leere hinter den Rippen kurz bevor ihm das Herz eines anderen transplantiert wird. Ein Bild, so platt und manipulativ, einfallsreich, kreativ und witzig zugleich — und typisch für Adam McKays „Vice – Der zweite Mann“. So kommt er den grausigen politischen Verflechtungen und Spielarten wohl sehr nahe und erinnert — gut und schlecht — an Michael Moore.

Die Polit-Satire stellt einen Mann in den Mittelpunkt, der dort nie stand. Dick Cheneys Jugend verläuft — so lässt es der Film vermuten — im Alk-Delirium, die Universität bricht er ab. Sein Abstieg scheint besiegelt, doch eine Frau greift ein und wird nun die Hand auf seiner Schulter sein, die ihm die Richtung weist: Lynne Cheney, Dicks Ehefrau, die er mit 14 Jahren kennenlernte.

Schon kurz darauf beginnt sein Aufstieg als zufälliger Republikaner im Weißen Haus: Praktikant bei Donald Rumsfeld unter Präsident Nixon, jüngster Stabschef unter Ford, später Abgeordneter im Repräsentantenhaus, Verteidigungsminister. Dann das Angebot, Vize von Präsident George W. Bush zu werden.

Ein abscheuliches Paar an der Macht

„Ein Vizepräsident wartet darauf, dass der Präsident stirbt“, sagt Lynne über den undankbaren Posten, den Dick dann doch wohlüberlegt annimmt und die Macht nur so anhäuft. Plötzlich zeigen sich seine strategischen Stärken, die ihn, so scheint es bei McKay, alle Fäden in der Hand halten lassen. Und das sind sehr viele, so dass die Geschichte Cheney zu einer überbordenden wird, der Fokus schwerfällt. Das ganze spickt der Regisseur mit auch überaus einfallreichen „Spielereien“. Ein Gespräch zwischen Christian Bale als Mr. und Amy Adams als Mrs. Cheney wird zum shakespeareschen Macbeth-Dialog.

Apropos Christian Bale: Über ihn und seine Bereitschaft, für diese Rolle mehr als 20 Kilogramm zuzulegen, ist viel berichtet worden. Doch Bales „Verwandlung“ auf die Speckrollen zu reduzieren, wäre verheerend. Der 44-Jährige wird durch sein Spiel (und natürlich sein Aussehen) zu Dick Cheney — so sehr, dass der Kinobesucher vergisst, einen Schauspieler vor sich zu haben. Auch Amy Adams gibt die ehrgeizige Gattin zum Fürchten gut.

Und zum Fürchten werden die Cheneys im Film von McKay allemal. Skrupellos und in abscheulicher Art — schlussendlich auch in familiären Belangen — sind sie bei McKay und wohl auch in der wahren Welt verantwortlich für Katastrophen wie IS und Trump. Schuldig jene Gesellschaft, die einen Politiker wie Dick Cheney zulässt. Acht Oscar-Nominierungen hat „Vice“ für diese Erkenntnis bekommen.

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