Die letzte Fahrt der Kitzsteingams

Zeitzeuge im VOLKSBLATT-Gespräch über die Katastrophe von Kaprun vor 20 Jahren

In diesem Tunnel ereignete sich die Brandkatastrophe.
In diesem Tunnel ereignete sich die Brandkatastrophe. © APA/Schlager

„Ich war gerade zu Hause in Linz beim Mittagessen – es gab Bratwurst mit Sauerkraut – als das Telefon geläutet hat. Am Apparat war der stv. Welser Magistratsdirektor, der mir mitgeteilt hat, dass noch nichts über das Schicksal der 32 Personen aus der Messestadt bekannt ist, die mit der Unglücksgondel in Kaprun gefahren sind.

Er hat gemeint, dass ich besser ins Büro kommen soll“, erinnert sich der damalige Pressechef der Stadt Wels, Wolfgang Ortner, im Gespräch mit dem VOLKSBLATT an den Beginn der Katastrophe am 11. November 2000. Diese hat 155 Menschen das Leben gekostet.

Ortner machte sich sogleich auf den Weg nach Wels, wo er von seinem Chef die Information bekam, dass man mit dem schlimmsten rechnen müssen und sich daher auf einen Ansturm der Presse vorbereiten müsse. Das Horrorszenario bestätigte sich noch am selben Tag: Unter den Todesopfern befand sich auch die Gruppe aus Wels, davon 13 Bedienstete des Welser Magistrats.

Auch die Stellvertreterin Ortners überlebte den verheerenden Brand nicht. „Am Freitag hat sie nach Dienstschluss noch gemeint, dass sie jetzt nach Kaprun Skifahren gehe und am Montag wieder da sei“, erzählt der mittlerweile pensionierte Medienprofi. Von Samstag bis Montag, dem 13. November, arbeitete er beinahe rund um die Uhr, um die zahlreichen Journalisten aus vielen Ländern zu betreuen.

Chronologie der Unglücks

Etwa 20 Meter nach Abfahrt der Gletscherbahn aus der Talstation gegen 9 Uhr entdeckten Augenzeugen Rauch, im talseitigen Führerstand war ein Brand entstanden. Exakt nach 1132 Metern Fahrt blieb die „Kitzsteingams“ auf Grund eines Lecks in der Bremshydraulik im unteren Drittel des Tunnels stehen. Zahlreiche Skifahrer starben noch im Zug, weil die Türen aus Sicherheitsgründen nur vom Wagenbegleiter geöffnet werden konnten. Die Passagierabteile waren weder mit Handfeuerlöschern, noch mit Nothämmern ausgerüstet. Von den Personen, die sich aus dem Zug befreien konnten, liefen die meisten vermutlich in Panik vom Brandherd im hinteren Teil des Zuges weg durch den Tunnel nach oben in die tödliche Rauchgaswolke. Nur zwölf Personen, zwei Österreicher und zehn deutsche Urlauber, konnten sich durch Einschlagen einer Scheibe aus dem hinteren Teil des Zuges befreien und überlebten, weil sie im Tunnel entgegen der Kaminwirkung nach unten liefen.

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Nach ersten Gutachten von mehreren Brandsachverständigen wurde das Feuer aufgrund eines technischen Defekts eines im unteren, nicht besetzten Führerstand eingebauten Heizlüfters, der 180 Liter ausgelaufenes Hydrauliköl entzündete, ausgelöst. Zum tragischen Verlauf des Unglücks trug bei, dass weder Fluchtwege, noch Notausgänge vorhanden waren, die die Eingeschlossenen hätten öffnen können. Zudem verfügten die Abteile über keine Sprechanlage, die ein früheres Anhalten der Bahn ermöglicht hätte.

Im darauffolgenden Strafprozess in Salzburg wurden 16 Personen wegen fahrlässigen Herbeiführens einer Feuersbrunst und Gemeingefährdung angeklagt, darunter auch drei leitende Mitarbeiter der Gletscherbahnen Kaprun AG. Am 20. Februar 2004 endete das Verfahren mit Freisprüchen für alle Angeklagten. Für acht Beschuldigte kam es am 26. September 2005 zu einer Berufungsverhandlung am Oberlandesgericht Linz, die mit der Bestätigung der Freisprüche endete. Am 17. Juni 2008 schließlich einigte sich eine Vermittlungskommission unter der Leitung des damaligen Notenbank-Chefs Klaus Liebscher mit den 451 hinterbliebenen Anspruchsberechtigten auf eine Entschädigungszahlung von 13,9 Mio. Euro.

„Warum trifft es schon wieder uns?“

Für Ortner hat die Katastrophe von Kaprun den Magistrat Wels stark verändert. „Viele sind damals sehr nachdenklich geworden, man hat die Trauer förmlich gespürt. Gleichzeitig hat man sich gefragt, warum trifft es schon wieder uns?“ Der damalige Pressesprecher meint damit den verheerenden Brand in einem Istanbuler Hotel im Jahr 1983, dem elf Magistratsmitarbeiter, die in der Stadt auf Betriebsausflug waren, zum Opfer fielen. Gedenktafeln für die Opfer erinnern an die beiden Unglücke.

Von Heinz Wernitznig

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