Die letzte Zeugin

Seit vielen Jahren geht Theologin Verena Wagner jüdischem Leben in Linz nach. Als Ergebnis ihrer Recherchen legt sie jetzt erneut ein Buch vor: „1918/1938. Jüdische Biographien“ beschäftigt sich mit dem Lebensweg von fünf Linzer Juden. Eine der Biografien, nämlich jene der mittlerweile 88-jährigen Marie Donner (geborene Spitz), ist direkt mit dem Brand der Linzer Synagoge in der Reichspogromnacht verknüpft, der sich am 9. November zum 80. Mal jährt. Die Geschichte der letzten jüdischen Zeitzeugin des Synagogenbrandes ist die eines mutigen Mädchens.

Zeitzeugin Marie Donner mit der Familie Hesky am Linzer Hessenplatz. © V. Wagner

Text: Melanie Wagenhofer

Marie wird in dieser schrecklichen Nacht geweckt von Schreien und Glasscherben, die auf ihr Gesicht rieseln. Uniformierte stürmen die Kanzlei im Synagogenanbau, in der ihre Familie untergebracht ist, und nehmen ihren Onkel mit. Mit vorgehaltenem Gewehr wird er im Tempel gezwungen, die Thorarolle zu zerstören. Matriken, Silber und andere Wertgegenstände konfisziert man. „Der Rest der Familie wurde mit dem Erschießen bedroht, sollte einer von ihnen die Kanzlei verlassen“, weiß Verena Wagner aus Interviews, die sie mit Marie Donner in den USA geführt hat.

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Eingeschlossen in die brennende Synagoge

Etwa um Mitternacht fahren in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 SS-Autos vor der Linzer Synagoge vor, um sie niederzubrennen. „Etwa 40 SA- und SS-Leute waren an der schrecklichen Aktion beteiligt, auch der Linzer Oberbürgermeister Josef Wolkerstorfer war vor Ort“, so Wagner. Sie dringen in das Gotteshaus ein, zerstören die Frauenempore, werfen das Mobiliar hinunter und zünden alles an. Marie und ihre Familie werden in der Kanzlei eingesperrt, während die Synagoge schon lichterloh brennt. Mehrmalige Versuche der Hausbewohner des jüdischen Gemeindeshauses, wegen des Brandanschlages die Polizei zu rufen, schlagen fehl. „Falsch verbunden“, heißt es auf die Bitte um Hilfe. Auch die herbeigerufene Feuerwehr unternimmt nichts, verhindert nur das Übergreifen der Flammen auf andere Gebäude.

Buchstäblich in letzter Sekunde öffnet jemand der eingeschlossenen Familie die Tür. „Besser erschossen werden, als verbrennen“, hört Marie eine Stimme sagen. „Ich schrie die ganze Zeit: ,Ich will nicht erschossen werden!‘“, erinnert sie sich im VOLKSBLATT-Gespräch. Sie laufen los, der Onkel trägt die achtjährige Marie. „Heute habe ich noch das Geräusch des unter den Schritten knirschenden Glases im Ohr.“ Auch den Anblick des rot brennenden Tempels wird sie nie mehr vergessen ebensowenig wie die Menschen, die jubeln und schreien, darunter viele bekannte Gesichter aus der Nachbarschaft: „Die Juden brennen!“ skandieren sie.

Die Familie wird mit anderen Juden in den Keller des Gemeindehauses gesperrt. „Durch die Fenster in Bodenhöhe konnten sie die Stiefel von Nazi-Schergen sehen. Gewehrkolben waren auf sie gerichtet“, erzählt Wagner. Als der kleine jüdische Bub Peter Stein zu seiner Mutter sagt: „Mama, sind das alles Verbrecher?“ schlägt man ihn mit einem Gewehrkolben bewusstlos. Alle Männer werden abgeholt, auf Intervention von Max Hirschfeld, auch ein Onkel von Marie und der Verbindungsmann der jüdischen Kultusgemeinde zu Adolf Eichmann, werden Maries Verwandte rasch wieder freigelassen. Das gesamte Hab und Gut der Familie, das schon gepackt war für die Flucht, ist in der Synagoge verbrannt. Wie durch ein Wunder finden sie in den verkohlten Trümmern am nächsten Tag noch das Familienalbum.

Letzte Rettung: Kindertransport

Marie, deren Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist, wächst bei ihrer Tante Helene und ihrem Onkel Ernst Hesky auf. Die Familie, dazu gehört auch Robert, der Sohn der Heskys, der acht Jahre älter ist als Marie, lebt in der Linzer Schubertstraße. Nachdem man sie von dort vertrieben hat, beziehen sie im Anbau der Synagoge ihr Notquartier. Dort wartet die Familie auf ihr Visum für die Ausreise, ein Verwandter in den USA hat für die Heskys gebürgt. Nach dem Synagogenbrand übersiedelt die Familie schließlich im Juli 1939 mit der Großmutter. „Weil sie anfangs nicht wussten, dass man einen Antrag auf eine Nummer für die Ausreise stellen muss, verpassten sie Ausreisetermine“, so Wagner.

In der Zwischenzeit wird ein Vorfall den Heskys fast zum Verhängnis: Marie wird von einem Kind bespuckt und beschimpft. Das unerschrockene Mädchen spuckt zurück. Wenige Tage später langt ein Brief vom Gericht ein. Sollten die Heskys Marie nicht in den Griff bekommen, heißt es darin, werde man sie in ein Heim für geistig behinderte Kinder stecken. Um der Gefahr zu entgehen, schicken die Heskys Marie mit einem Kindertransport nach England. Als Abschiedsgeschenk bekommt sie von ihrer Großmutter eine Puppe, die wie ihr Idol Shirley Temple gekleidet ist und die sie auf ihrer langen Reise begleiten wird. „Meine Eltern und meine Omama wollten mir die Reise mit dem Kindertransport leicht machen. Ich habe sie nie weinen gesehen”, erzählt Donner. „Sie meinten, wie glücklich ich sei, nach England zu dürfen und wie interessant es sein werde, in eine neue Schule zu gehen und neue Kinder kennenzulernen.“ Marie ist tapfer und schwört sich, niemals vor den Nazis zu weinen. Im Juli 39 kommt sie in England an, wo sie in einem Lager schlimme Missstände erlebt. Nach dessen Auflösung werden Fotos von Flüchtlingskindern in Zeitungen veröffentlicht, um Familien für sie zu finden: Marie kommt bei einem älteren Ehepaar unter, das sich liebevoll um sie kümmert und Briefkontakt mit ihrer Familie herstellt, der im November die Flucht in die USA gelungen ist. Die Heskys sparen eisern, um Marie nachholen zu können. Im September 1940 tritt sie die Überfahrt an und wird in New York von Verwandten abgeholt, die sie ein paar Tage später in einen Zug setzen, mit dem die Zehnjährige allein den Kontinent bis San Francisco durchquert, wo die Familie endlich wieder vereint ist. „Als ich in Amerika ankam, war ich erwachsen“, sagt sie.

Die Brandstifter der Linzer Synagoge, zu denen als Rädelsführer ein gewisser Franz Oirer gehört haben soll, werden nie angeklagt. „Es gab Aussagen von Zeugen, die jedoch dem Gericht nicht genügten“, erklärt Wagner. Oirer lebt nach dem Krieg unbescholten in Linz. Maries Großmutter und ihr leiblicher Vater sterben in einem KZ. Marie bleibt in den USA, heiratet und bekommt zwei Kinder. Erstmals kehrt sie in den 1990ern zurück nach Linz, zum zweiten Mal zur Buchpräsentation von Verena Wagner.

Verena Wagner: Linz 1918/1938. Jüdische Biographien. Archiv der Stadt Linz, 624 S., € 35; erhältlich im Archiv der Stadt Linz und im Buchhandel; am 8. November wird eine Ausstellung zum Thema im Wissensturm eröffnet.