Die Linzer Waffe Wurschtigkeit

Versuch der Häutung: Dietmar Nemeths Roman „Drehmoment“

Autor Dietmar Nemeth, Jahrgang 1960, lebt in Linz und ist auch Sozialwissenschaftler, Beamter und Musiker.
Autor Dietmar Nemeth, Jahrgang 1960, lebt in Linz und ist auch Sozialwissenschaftler, Beamter und Musiker. © Celia Ritzberger

Kurz vor dem Ende die Selbsterkenntnis: „… all das Gerede von Ordnung und Werten war nur vorgeschoben, um den Blick darauf zu verstellen, dass da letztlich nichts ist, an dem er sich festhalten kann …“.

Dietmar Nemeths Roman „Drehmoment“ist die Geschichte einer seelischen Häutung seines Protagonisten. Der heißt Zuschrott, ein klingender Name für den Frühpensionisten, dem von einem Autounfall ein steifes Bein und die Trennung nach liebloser Ehe geblieben sind.

Zuschrott vor dem Unfall Beamter in der Schulverwaltung, in der Pension ist sein Alltag in Stunden getaktet. Nichts Unerwartetes soll ihn aus dem – in Wahrheit porösen – Gleichgewicht bringen.

Ein elfjähriger Latino als Anker der Hoffnung?

Das „Drehmoment“ kommt in Zuschrotts Leben in Gestalt eines elfjährigen Burschen, der eines Tages auf der Stufe zu Zuschrotts Wohnung sitzt. Marvin ist ein dunkelhäutiger Latino, wortkarg, von den zuständigen Institutionen früh in eine „Sonderschule“ abgeschoben. Zuschrott will ihn unter seine Fittiche nehmen, erstellt Stundenpläne für Marvin, Zuschrott will … Gutes tun. Ein weiteres Drehmoment in Zuschrotts Leben ist Anna, die er über elektronische Partnervermittlung kennenlernt. Eine leidenschaftslose Beziehung wie schon die Ehe, Zuschrott erhofft sich von Anna Halt, Sicherheit und eine gewisse Geborgenheit.

Dietmar Nemeth, Jahrgang 1960, lebt mit seiner Familie in Linz. Er ist Sozialwissenschaftler, Beamter, Musiker, fiel literarisch bislang mit einem Beitrag zum FM4-Literaturwettbewerb Wortlaut auf. „Drehmoment“, der Form nach mehr eine längere Erzählung, ist auch ein sehr „linzerischer“ Text. In dieser Stadt ziemt es sich nicht, sich aufzuplustern. Ein Mensch ist, was er ist, manchmal eher weniger. Wie Zuschrott, dem der Autor so gar keine außergewöhnlichen oder besonders sympathischen Eigenschaften andichtet. Eine blasse Existenz, in ihrem Alleinsein angepasst, ein Loser.

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Lange führt Nemeth den Leser an der Nase herum. Warum drischt er nicht entschlossener, satirischer auf die Spießigkeit des linksliberalen Milieus ein, in dem Zuschrott sich bewegt (wenn er sich bewegt)? Warum versagen Zuschrotts „Integrationsbemühungen“ um Marvin so kläglich? Eine Reise von Zuschrott, Anna und Marvin an den Gardasee führt zum zwischenmenschlichen Desaster.

Drei Individuen, die einander nichts zu sagen und zu geben haben. Im Prolog hat Nemeth den Boden bereitet, Marvin wird sich für die Ignoranz und für sein aufgedrängtes Außenseitertum rächen. Der ewig passive Zuschrott, trauriger Vertreter der Mehrheitsgesellschaft, bietet sich als Opfer an. Doch Nemeth gibt der Story noch einmal einen überraschenden Dreh. Die Wurschtigkeit des Linzers als sein paradoxer Akt des Widerstands.

Nemeth schlampt manchmal sprachlich (Gesichter „hallen“ nicht „nach“, sondern bleiben im Gedächtnis), aber er ist ein guter Erzähler. Einer, der dem Leser nichts vormacht: Die große Lösung für innere Leere und/oder soziale Konflikte hat derzeit niemand parat.

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