Die Lust, der Wahnsinn

Tribüne Linz spielt Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“

Rudi Mühllehner als Bahnwärter Thiel
Rudi Mühllehner als Bahnwärter Thiel © Reinhard Winkler

Von Christian Pichler

Der Mann, und sei’s ein einfacher Bahnwärter, strebt nach Reinheit und spiritueller Tiefe. Aber das lüsterne Weib zieht ihn hinab in einen Sumpf aus Schmutz und Schuld. Mit „Bahnwärter Thiel“ zementierte Gerhart Hauptmann 1887 ein heftig reaktionäres Welt- und Frauenbild. Ein Denkmuster, das sich auch im Antisemitismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert „bestens“ bewährte.

Andererseits. Der „Thiel“ in vollendeter Sprache, die auch eine Angebersprache ist. Faszinierend symbolistisch aufgeladen, mit feiner psychologischer Nase. Die Tribüne Linz hat sich das Novellenmonster zur Brust genommen, ein Stück geschaffen, das wie kaum ein anderes den Tribüne-Kern trifft. Premiere war am Mittwoch, das Ergebnis beglückend, Standing Ovations.

Prolog mit Rudi Müllehner als Thiel, er kuschelt mit dem Mützchen seines Kindes, gleich darauf sein Schmerzensschrei. — Thiel ein braver, gottesfürchtiger Mann, der die liebreizende Minna ehelicht. Tobias kommt zur Welt, ein geistig zurückgebliebenes Kind, Minna stirbt im Wochenbett. Zwischen Heiliger und Schlampe lässt Hauptmann wenig Spielraum, triebhaft drängt sich Kuhmagd Lene in Thiels Leben. Er ist dem schamlosen Weib hoffnungslos verfallen.

Experiment, das einen Klassiker begreifbar macht

Der Text fast zur Gänze von einer Stimme aus dem Off gesprochen, eine an den Stummfilm erinnernde Ästhetik. Die Schauspieler mimisch und gestisch gefordert, das Gesicht Müllehners spielt das ganze Drama des zermalmten Menschen. Glückselig, wenn er sein Kind herzt, bis die Katastrophe geschieht. Lene lässt Tobias unbeaufsichtigt, von der Ferne rollt das dampfende Ungetüm heran. Musik und Videos perfekt eingesetzt von Regisseurin Cornelia Metschitzer, die Technik (Florian Kirchweger) eine entscheidende Komponente der Inszenierung.

Paula Kühn macht das Beste aus der eindimensionalen Lene, eine märchenhaft böse Stiefmutter, doch ihre Weichheit angedeutet. Weitaus mehr als Thiel, der sich der Raserei hingibt und Frau und Kind tötet, kennt Lene Schuldbewusstsein. Gina Christof als Minna eine madonnenhafte Erscheinung, von Thiel in einsamen Nächten herbeihalluziniert. In ihrer zweiten Rolle kann sich Christoph austoben, sie ist der herzensgute Tobias, der Dinge ableckt, um sie zu ergründen.

Ein Theaterexperiment, das einen Klassiker begreifbar macht. Dichte 105 Minuten ohne Pause, ein Riesenwurf.

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