Die Macht der zahnlosen Männer

Oscar-Preisträger Paolo Sorrentinos einfallsreiche Berlusconi-Satire „Loro“

Nicht Bunga-Bunga, sondern tiefe Vertrautheit zwischen Silvion Berlusconi (Toni Servillo) und seiner Frau Veronica (Elena Sofia Ricci)
Nicht Bunga-Bunga, sondern tiefe Vertrautheit zwischen Silvion Berlusconi (Toni Servillo) und seiner Frau Veronica (Elena Sofia Ricci) © Filmladen/Gianni Fiorito

Von Mariella Moshammer

Es ist der Geruch von Gebissreiniger, der Silvio Berlusconi kurz straucheln lässt. Den hat eine bildhübsche 20-Jährige gerochen und sich an ihren Großvater erinnert gefühlt, als der unumstößlich optimistische Politiker, Verführer und Lebemann sich ihr erwartungsfroh näherte. In manchen Szenen von Paolo Sorrentinos „Loro — Die Verführten“ ist „ER“ (Toni Servillo) nur noch ein Schatten seiner selbst. Wie es einmal war, zeigt der junge Riccardo Scamarcio als Sergio Morra, der über den Job als Berlusconis privater Zuhälter EU-Abgeordneter werden will. Morra lässt es so krachen, wie man sich Bunga-Bunga vorstellt. Da wippt und schwingt alles, das Koks wächst fast wortwörtlich auf den Bäumen. In langen Zeitlupeneinstellungen lässt Sorrentino die Höflinge von Berlusconi und solche, die es gerne werden würden, eine schier endlose Megaparty feiern. Und alles in der Hoffnung, er sieht die Sause und stürzt sich kopfüber ins Vergnügen. Der hat jedoch 70-jährig ganz andere Probleme. Obwohl mit seiner Partei gerade in der Opposition, ist die Zurückeroberung seiner Frau Veronica (Elena Sofia Ricci) das dringendste für ihn. Und so zeichnet Oscar-Preisträger Sorrentino seinen Berlusconi ebenso als abgebrühten Betrüger, wie als schmachtenden Romantiker.

Intrigen, Geilheiten und Korruptionen

Herrlich baut Sorrentino die Welt rund um den italienischen Trash-Sonnenkönig auf, bevor er ihn das erste Mal (im Faschingskostüm einer Bauchtänzerin und geschminkt) auftreten lässt. Wie einst an königlichen und kaiserlichen Höfen, spinnen sich rund um ihn Intrigen, Eifersüchteleien, Geilheiten und Korruptionen.

Eine „fiktionale Erzählung“, die in Italien zwischen 2006 und 2010 spielt, verspricht der Regisseur mit „Loro“. Das war jene Zeit, kurz vor der dritten Amtsperiode Berlusconis als Ministerpräsident. Da schläft der dunkelbraungebrannte Meister der Selbstdarstellung auch schon einmal ein, während sich die schärfsten Miezen im lasziven Tanz vor ihm rekeln. Da singt er mal für sich alleine, mal für Gäste kitschige Schmachtfetzen, die ein sanftes, zartes Herz enthüllen. Fast möchte man ihn zu Kaffee und Kuchen einladen und ihm eine Heizdecke um die Beine wickeln. Eine kleine Liebeserklärung ist „Loro“ auch irgendwie.

Nichtsdestotrotz rebelliert die Welt, erbebt die Erde, als er — plötzlich erfrischt und so scharf auf die Macht wie nie — wieder angelobt wird. Überhaupt spart Sorrentino nicht mit herrlichen, wenn auch nicht subtilen Metaphern in dieser Satire. So krepiert das weiße Schäfchen lieber, als dass es den Blick vom TV-Programm Berlusconis abwendet — und es wird kalt und kälter. Eine Ratte, die Berlusconis Erscheinen in Rom kündet, bringt einen Laster ins Wanken und römischer Müll fliegt ebenso ästhetisch durch die Lüfte, wie einen Schnitt später die Ecstasy-Tabletten sich über das Partyvolk ergießen. Am Ende explodiert Belusconis lange und häufig angepriesener Vulkan endlich – und es ist eine herbe Enttäuschung.

Sorrentino zeichnet ein absurdes, schräges und abgefahrens Bild des Herrschers und seines Hofstaates. Der Verführer ist ein Verkäufer, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um immer erfolgreich zu sein. In einem Moment der Schwäche beweist er sich das selbst, indem er einer Unbekannten am Telefon mit unglaublicher und unglaublich hinterlistiger Art, eine fiktive Wohnung verkauft. Was der Regisseur wenn, dann nur andeutet, ist Silvio Berlusconis konkrete Politik, seine unfassbaren und unglaublichen verbalen Ausraster und -setzer.

Was also tun, mit den alten Männern, die die Macht in Händen halten und die Zähne nachts ins Glas legen? Sich peinlich berührt abwenden und hoffen, dass es ohnehin seinen natürlichen Weg gehen wird? Oder sie nicht unterschätzen, denn der nächste Jungbrunnen wartet bereits, und die Gefahr ist groß, dass sie daraus entsteigen wie ein Phönix.