Die Mechanismen der Macht

„Ein verheißenes Land“, Teil eins der Memoiren Barack Obamas

Als Student fühlt sich Barack Obama noch „innerlich zerrissen“. Wie „ein Schnabeltier oder irgendein Fantasiewesen, das nur in einem fragilen Lebensraum eine Chance hat und nie weiß, wohin es eigentlich gehört“.

Die etablierte Politik stößt den jungen Mann ab („Föhnfrisuren, das schmierige Grinsen, die Plattitüden und das Eigenlob, wenn sie in einer Fernsehsendung saßen“). Seinen Idealismus lebt er mit Stadtteilarbeit in Chicago aus — „Grassroots“, sprichwörtliches Klinkenputzen. Er entdeckt, dass er Menschen begeistern kann. Obama wird 2008 zum 44. Präsidenten der USA gewählt, der erste Farbige an der Staatsspitze.

Ein modernes Heldenepos? Das Leben, auch das politische, ist weitaus komplexer. Barack Obama versucht ihm in der Autobiografie „Ein verheißenes Land“ gerecht zu werden.

Mit großer Klarheit der Sprache schildert er auf knapp 1000 Seiten seinen Werdegang, Anflüge von Selbstironie relativieren die ikonische Überhöhung durch seine Anhänger.

Als Obamas Töchter darüber witzeln, wie er sich für die Massen unsichtbar machen könnte, erklärt Michelle, seine Frau: „Daddy hat nur eine Chance, sich zu tarnen: wenn er sich seine Ohren anlegen lässt.“

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Das Aufwachsen bei der Mutter und bei den Großeltern auf Hawaii. Studium, Heirat mit Michelle LaVaughn Robinson. Obama scheitert 2000 krachend mit einer Kandidatur für den Kongress, bekommt nach einer Rede auf einer Antikriegskundgebung 2002 wieder Aufwind. Er lehne nicht alle Kriege ab, sagt Obama, „aber ich lehne einen dummen Krieg ab“.

Ein riskanter Standpunkt, doch als sich „Mission accomplished“ im Irak immer mehr als Desaster entpuppt, zirkuliert Obamas Rede im Internet und verhilft ihm zu ungeahnter Popularität.

Das politische Geschäft: ein dauerndes Abwägen

Präzise beschreibt Obama das politische Geschäft, ein dauerndes Abwägen von oft genug konträren Interessen im In- und Ausland. Wirtschaftskrise nach 2008, Gesundheitsreform („Obamacare“) und ihre Dämonisierung durch die Tea-Party-Bewegung. Rechtssystem und Gewaltenteilung, Polizei und afroamerikanische Community. Israel und Naher Osten, Antiterrorkampf, Menschenrechte und Folter. Libyen, Arabischer Frühling, Afghanistan, Irak. Russland, China, Iran. Ein Immobilienhändler drängt in die große Politik, er bläht Lügen zu Obamas Geburtsort auf. Er heißt Donald Trump und wird Obamas Nachfolger.

„Ein verheißenes Land“ fesselt von der ersten Seite an, ein siebenköpfiges Team übersetzte. Das Buch endet mit der Exekution Osama bin Ladens 2011 in Pakistan, im Vorwort kündigt Obama einen zweiten Teil an. Der Autor nüchtern, erläutert detailreich die Mechanismen von Macht.

Gelegentlich philosophische Einschübe, am Beispiel des ägyptischen Ex-Präsidenten Husni Mubarak — angehäuftes Familienvermögen zwischen 40 und 70 Milliarden Dollar — sinniert Obama über „alternde Autokraten“: „In Palästen fortgesperrt, sämtliche Beziehungen zur Welt durch die servilen Funktionäre mit den versteinerten Mienen um sie herum vermittelt, waren sie nicht in der Lage, zwischen ihren persönlichen Interessen und denen ihres Landes zu unterscheiden. Alles, was sie unternahmen, hatte kein höheres Ziel, als das verworrene Netz der Protektion und der Geschäftsinteressen aufrechtzuerhalten, das sie an der Macht hielt.“

Barack Obama: Ein verheißenes Land. Penguin, 1024 Seiten, € 43,20

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