Die Möglichkeiten des Vergeblichen

    Kabarettist und Chansonnier Sebastian Krämer im Linzer Posthof

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    Autor, Chansonnier und Kabarettist Sebastian Krämer
    Autor, Chansonnier und Kabarettist Sebastian Krämer © Christian Biadacz

    Am Scheitern gescheitert, also gelungen — macht nichts, man kann es ja noch einmal versuchen. Der Berliner Sebastian Krämer (geb. 1975), als Autor und Kabarettist in etlichen deutschen TV-Formaten präsent, seit 1994 mit Preisen überhäuft, tourt zurzeit durch Deutschland. Am Freitag machte er einen Abstecher in den Linzer Posthof.

    Philosophisch sieht sich Krämer als Derivat von Aufklärung und Romantik, zwangsläufig gelandet in der Moderne mit Sehnsucht zurück zur Romantik. Im Modus des (ab-)gehobenen Bildungsbürgertums zieht er mit „vergnügten Elegien“ in Rilke’scher Wortmacht gegen eben diese Bourgeoise ins Feld. Seine Waffen sind Metrum, Reim und Kadenz. Damit verhöhnt er bevorzugt Deutschlehrer und mit ihnen das gesamte Schulsystem.

    Alle Pfeile treffen. Nicht zufällig erwähnt er mehrmals Kafka. Im Unterschied zu Kafka aber ergötzt sich Krämer am „Glanz der Vergeblichkeit“. Romantische Lyrik prallt an die Banalität des Alltags, Ungereimtes und Absurdes durchdringt die Klagelieder. Unvorhersehbar jeder Wechsel, meisterhaft sein Vortrag auch am Klavier, todernst die Komik.

    Hin und wieder Pathos

    Jede Strophe eine neue Geschichte oder eine lange Geschichte in vielen Strophen. Jungfrauen, Drachentöter, Sado-Maso-Szenen — belanglos scheint der tiefste Abgrund, wenn Krämers Logik greift, Kenntnisse in Mord und Mythologie erachtet er als hilfreich. Ein Kochbuch für Kannibalen? Contenance, es kommt anders, harmloser, viel abgründiger und weit jenseits des Naheliegenden. Erschütternd findet er nur den größten Schicksalsschlag, der einen Menschen treffen kann: Die ganz gewöhnliche, erlaubte Liebe zwischen zwei Leuten. Das sprachliche und musikalische Schwelgen braucht hin und wieder großes Pathos. Das beherrscht er, so wie die sanftesten Zwischentöne. Es geht aber auch staubtrocken. Ein Chanson beschreibt fachkundig Ernst Barlachs Skulptur „Der Buchleser“ und wer kann schon mit dem Rezitativ seines eigenen Wikipedia-Eintrags ein Publikum begeistern? Ein Lied ohne Schluss ist nach zwei Stunden das Schlusslied. Zwei Zugaben konnte sich das entzückte Publikum noch erklatschen.

    Eva Hammer