„Die Neugier am Land ist größer“

Schlierbach: Literarische Nahversorger feiern mit Literaturfestival „4553“ 20. Geburtstag

Friederike Zillner (gr. Bild) begrüßt beim OÖ Literaturfestival bekannte Autoren wie Ilija Trojanow oder Vea Kaiser
Friederike Zillner (gr. Bild) begrüßt beim OÖ Literaturfestival bekannte Autoren wie Ilija Trojanow oder Vea Kaiser © dpa/Burgi, APA/Techt, privat

1999 taten sich Literaturbegeisterte aus Schlierbach zusammen und gründeten den Verein Literarische Nahversorger. Seither werden regelmäßig Lesungen mit zum Teil sehr bekannten Autoren veranstaltet. Heuer organisieren die Bücherwürmer aus dem Traunviertel zum viertel Mal das OÖ Literaturfestival „4553“ (29.8.-1.9.) im Stift Schlierbach. Die pensionierte AHS-Lehrerin Friederike Zillner aus Schlierbach war von Anfang an mit dabei.

VOLKSBLATT: Die Literarischen Nahversorger feiern 20-Jahr-Jubiläum. Wie sieht Ihr Rückblick aus?

FRIEDERIKE ZILLNER: Der fällt sehr gut aus. Wir veranstalten seit 20 Jahren sechs bis sieben Lesungen pro Jahr und seit 2012 regelmäßig ein Literaturfestival. Wir würden das nicht machen, wenn wir mit dem Publikumszuspruch nicht so zufrieden wären.

Wer sind die Menschen, die so etwas auf die Beine stellen?

Unsere Mitglieder sind zwischen 20 und 63 Jahre alt und kommen aus verschiedensten Berufen. Uns eint die Liebe zum Lesen, zur Diskussion über Literatur und wir stellen gerne etwas auf die Beine.

Wie hat sich der Literaturbetrieb in den letzten Jahren verändert?

Die Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Literatur haben sich verändert, vor allem, was die Geschwindigkeit anbelangt. Früher war es nicht so schwierig, einmal eine Stunde stillzusitzen, nur zuzuhören, jetzt ist alles schnelllebiger geworden. Die jungen Leser kommen weniger zu den Lesungen, dafür aber zu den Literaturfestivals, wo es auch Musik gibt, verschiedene Autoren lesen und man sich austauschen kann.

Wie hat sich das Literaturfestival „4553“ entwickelt?

Wir haben 2012 mit vier Tagen Literatur in lockerer, schöner Umgebung — unser Festival findet fast ausschließlich im Stift Schlierbach statt — angefangen. Ein richtiges Fest der Literatur mit Lesungen, Besprechungen, Musik zwischendurch, Kaffee, Wein und Käse. Das war gleich ein großer Erfolg. Mit jedem weiteren Mal ist das Festival größer geworden, immer mehr Leute sind gekommen. 2016 haben wir 3000 Karten verkauft.

Welches Thema steht heuer im Mittelpunkt?

Wir haben zwei feine rote Fäden. Das ist einmal Literatur und Engagement: Inwieweit sollen Schriftsteller sich politisch und gesellschaftlich engagieren? Das manifestiert sich in Autoren wie Lydia Haider oder Olga Flor. Neben den Lesungen wird es dazu auch eine Podiumsdiskussion u. a. mit Philipp Weiss geben. Der zweite rote Faden ist: Literatur ist weiblich. Wir haben einen Tag, an dem nur Schriftstellerinnen lesen.

Was sind Höhepunkte des diesjährigen Festivals?

Was die Bekanntheit betrifft, würde ich sagen Ilija Trojanow. Dann kommen auch Wladimir Kaminer, Judith W. Taschler und Vea Kaiser. Lokalmatador Hans Eichhorn wird seinen neuen Roman präsentieren. Thomas Arzt hat als Auftragswerk für uns „Die Gegenstimme“ verfasst, das wird in einer szenischen Lesung von der Theatergruppe Kirchdorf uraufgeführt. Tex Rubinowitz bietet einen Schreibworkshop an und wird als DJ auftreten.

Holen Sie nur bekannte Autoren vor den Vorhang oder auch noch unentdeckte Talente?

Wir bieten immer eine Mischung an. Es ist uns ganz wichtig, dass junge Autoren, die noch nicht publiziert worden sind, bei uns die Möglichkeit bekommen, ihr Schreiben vorzustellen. Der aus Schlierbach stammende Dramatiker Thomas Arzt, einer der bekanntesten österreichischen Gegenwartsautoren, hat ganz früh bei uns gelesen, auch Reinhard Kaiser-Mühlecker, Arno Geiger und Franzobel. Wir haben immer etablierte Autoren aus Österreich, Christoph Ransmayr durften wir schon begrüßen, auch Michael Köhlmeier. Und auch das Internationale holen wir herein, so war Juli Zeh zum Beispiel schon da.

Literatur am Land zu etablieren, ist eines Ihrer Anliegen. Damit kämpfen Sie auch gegen ein Vorurteil.

Unser großes Anliegen war es vor 20 Jahren — da gab es am Land ja kaum Lesungen — zu beweisen, dass es die urbane Weltoffenheit, die man den Großstädten immer zugesteht, auch am Land gibt, dass auch am Land aufgeschlossene Menschen sind. Und das ist aufgegangen. Die Leute gehen sehr offen auf die Autoren zu, da entwickeln sich dann etwa Gespräche zwischen einem Schlierbacher Bauern und einem Wiener Literaten. Die Neugier am Land ist noch größer, weil es ja nicht so viel gibt in dieser Richtung.

Wer ist Ihr Zielpublikum?

Wir haben Literatur für alle, alt und jung, und beim Festival auch Kinder, für die wir ein eigenes Programm anbieten. Alle, die gern lesen und gern zuhören, können kommen, das beschränkt sich nicht auf eine intellektuelle Schicht. Die meisten unserer Besucher sind Frauen, Literatur ist, wie gesagt, weiblich.

www.literarischenahversorger.at

Interview: Melanie Wagenhofer

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