“Die Passagierin”: Berührender Saisonauftakt in Grazer Oper

Mit Mieczyslaw Weinbergs “Die Passagierin” ist der Grazer Oper am Freitag ein bewegender Saisonauftakt gelungen. Das lag vor allem an der musikalischen Leitung des neuen Chefdirigenten Roland Kluttig, der die vielschichtige Musik gefühlvoll auslotete. Das ausgezeichnete Sängerensemble – allen voran Dshamilja Kaiser und Nadja Stefanoff – war bis in die kleinsten Partien überzeugend.

Die Premiere von Weinbergs Oper musste im März nach der Generalprobe auf Eis gelegt werden. Nun konnte das Ergebnis endlich dem Publikum präsentiert werden. Die Vorgaben zur Corona-Vermeidung wurden penibel umgesetzt: Absperrbänder leiteten durch das Haus, die Buffets waren alle geschlossen, dafür gab es gratis kleine Wasserflaschen. Alle Zuschauer durften nur einzeln im Schachbrettmuster sitzen. Es bleibt zu hoffen, dass die Maßnahmen erfolgreich sind und Krankheitsfälle auch im Ensemble ausbleiben – was bei dem naturgemäß distanzlosen Spiel fast ein Wunder wäre.

Die Oper, die 1968 geschrieben, aber szenisch erst 2010 aufgeführt wurde, basiert auf dem Buch der KZ-Überlebenden Zofia Posmysz und spielt auf einem Schiff, das Anfang der 60er-Jahre nach Brasilien fährt. An Bord ist Lisa, die einst Aufseherin in Auschwitz war. Sie glaubt, unter den Passagieren eine Frau aus dem Lager wiederzuerkennen und ist plötzlich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Die Bruchstücke der Geschichte werden zusammengesetzt aus Lisas Rechtfertigungen, Schuldgefühlen und Ängsten. Zwischendurch geht der Blick zurück nach Auschwitz, wo in kurzen Szenen schlaglichtartig die Geschichte der inhaftierten Marta gezeigt wird. Ihr Widerstand ist ihre ruhige, starke Klarheit, die der Aufseherin mehr zu schaffen macht als jede lautstarke Äußerung.

Für die wechselnden Schauplätze ist ein Einheitsbühnenbild (Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Irina Spreckelmeyer) vorhanden, ein blau oder grün beleuchteter Raum mit vielen Türen, der weder nach Schiff noch nach Lager aussieht und somit das changieren zwischen den Orten und Zeiten spielerisch ermöglicht. Mitunter schieben sich die Ebenen auch ineinander, und zwischen den Gästen des Speisesaals am Schiff bewegen sich die KZ-Häftlinge. Permanent auf dieser Bühne befindet sich eine gealterte Version von Lisa (Isabella Albrecht), die das Geschehen betrachtet. Damit suggeriert Regisseurin Nadja Loschky überdeutlich, dass wir uns hier im Erinnerungsmodus befinden, was man vermutlich aus so verstanden hätte. Zudem muss dieses Alter Ego ständig ziemlich sinnentleert Gegenstände über die Bühnen tragen, hinstellen und wieder wegräumen. Die ständige Unruhe auf der Bühne verhindert letztlich, dass man wirklich in die Geschichte hineingezogen wird. Die Nazis werden als grelle Karikatur verharmlost, wodurch der Schrecken und die Brutalität nicht wirklich greifen.

Exzellent sang und agierte Dshamilja Kaiser (Lisa), die mit ihrem leuchtenden Mezzosopran die Partie mit Leben erfüllte. Sie zeigte schonungslos eine Frau, die zwischen Verdrängen und Rechtfertigen schwankt, ohne dieser Figur falsche Sympathie zu verleihen. Ihrem Opfer Marta gab Nadja Stefanoff mit ruhiger Würde eine Stimme, warm und herzzerreißend nicht nur ihr Schlussgesang. Markus Butter verlieh ihrem Verlobten Tadeusz stille Größe, während Will Hartmann als Lisas Ehemann einen eher karriere- als beziehungsinteressierten Partner zeigte.

Unbedingt erwähnen muss man die Sängerinnen der KZ-Insassinnen, die kleine, berührende Porträts schufen, die in Erinnerung blieben. Tetjana Miyus (Katja), Antonia Cosima Stancu (Krystina), Anna Brull (Vlasta), Mareike Jankowski (Hannah) Sieglinde Feldhofer (Yvette) und Joanna Motulewicz (Bronka) machten ihre Sache ausgezeichnet, ebenso das restliche Ensemble. Die bestens disponierten Grazer Philharmoniker brachten die Musik, die sich unterschiedlichster Stile bedient, wirkungsvoll zur Geltung. Ein Abend, der die ganze Aufregung um die Corona-Einschränkungen plötzlich ziemlich lächerlich erscheinen lässt.

(S E R V I C E – “Die Passagierin” von Mieczyslaw Weinberg in der Grazer Oper. Musikalische Leitung: Roland Kluttig/ Oksana Lyniv, Inszenierung: Nadja Loschky, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Irina Spreckelmeyer. Mit Dshamilja Kaiser (Lisa), Will Hartmann (Walter), Nadja Stefanoff (Marta), Markus Butter (Tadeusz), Joanna Motulewicz (Bronka), Tetiana Miyus/Eva-Maria Schmid (Katja), Antonia Cosmina Stancu (Krystina), Anna Brull (Vlasta), Mareike Jankowski (Hannah), Sieglinde Feldhofer (Yvette), Mana Iwata/Ju Suk (Alte), Ivan Orescanin (1.SS-Mann), David McShane (2.SS-Mann), Martin Fournier (3. SS-Mann), Konstantin Sfiris (Älterer Passagier), Uschi Plautz (Oberaufseherin), Adrian Martinez Berthely/Christian Scherler (Steward), Lisa alt (Isabella Albrecht). Nächste Vorstellungen: 23. September, 1, 4, 16, 28. Oktober, 1. November, 5., 11. Dezember 2020. )

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