Die Poesie und Lyrik der Worte

Kammersängerin Ildikó Raimondi mit hoher Kunst der Liedgestaltung

Überzeugte mit Liedgut und Professionalität: Ildiko Raimondi
Überzeugte mit Liedgut und Professionalität: Ildiko Raimondi © Andreas Tischler

Von Georgina Szeless

Sind Liederabende nun schon recht rar geworden, ist jener von Kammersängerin Ildikó Raimondi vorgestern im halbvollen Mittleren Saal des Brucknerhauses wie ein Geschenk vom Himmel gefallen. „Tröstungen“ lautete das Motto, dem entsprach das gar nicht übliche Programm mit einer passenden Auswahl von Liedern von Franz Liszt, Robert Schumann, Hugo Wolf und Franz Schubert. In ihren Werken spiegelte sich die ganz persönliche Beziehung zu Fragen der Religiosität und Philosophie oder die tröstende Erlösung durch die Macht der Musik.

Sopranstimme mit unverwechselbarem Glanz

Raimondi baute das Thema ganz auf die Poesie und Lyrik der Worte, schöpfte daraus das volle Ausdrucksvermögen für ihr gestalterisches Potenzial. Davon profitierte besonders die Textdeutlichkeit, Mitlesen wurde überflüssig.

Drei Liszt-Lieder erzählten zu Beginn von Natur und Mensch als Schöpfung Gottes und verrieten eine gesteigerte Hinwendung des mehr der Dramatik zugewandten „Lebemannes“ mit dem Abbé-Titel. Schumann, der sich als „religiös ohne Religion“ bezeichnete, drückte schon mit den Titeln der vorgetragenen Gesänge sein sakrales Verhalten aus. Von Schubert weiß man Ähnliches über sein Glaubensbekenntnis, er pflegte in seinen Messen das „Credo“ auszusparen. Hugo Wolf, weder Protestant noch Katholik, erklärte sich in den gewählten Mörike-Liedern gleichgesinnt mit dem zweifelnden Textdichter.

Dennoch wusste Ildikó Raimondi den themenverwandten Liedern musikalisch-inhaltlich genug Unterschiedlichkeiten in ihrem Vortrag abzugewinnen. Der unverwechselbare Glanz ihrer Sopranstimme mit strahlender Höhe gewinnt allein schon durch die Natürlichkeit und das Gefühl für überzeugende Frische. Zudem beeindruckt ihre klare Phrasierungslinie, die nahtlosen Übergänge ohne aufgesetztes Forcieren, die selbstverständliche Technik einer in allen Sparten versierten Diva. Mit einer Schubert-Zugabe zeigte sie auch noch eine Brise ihrer charmanten Koketterie.

Für weiteren Genuss sorgte Raimondis Begleiter Gottlieb Wallisch, als Solist pianistisch souverän mitwirkend mit drei Liszt-Stücken und dessen sechs „Consolations“, deren geistigem und geistlichem Anspruch selten so erfüllt begegnet wurde.