„Die Räuber“: Stilistische Eleganz und stimmliche Irrelevanz

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    Giuseppe Verdis „Die Räuber“ gehört nicht gerade zu den Rennern des Komponisten – gelinde gesagt. So war die zu den Frühwerken des Italieners gehörende Schiller-Adaption etwa noch nie in der Staatsoper zu sehen. Die Wiener Volksoper hat sich nun an den jungen Verdi gewagt, der noch auf der Suche nach seiner späteren Form ist. Die Premiere am Samstag offenbarte dabei Regiehöhen und Stimmtiefen.

    So setzt der deutsche Regisseur Alexander Schulin mit seiner Bühnenbildnerin Bettina Meyer auf eine Mischung aus minimalistischer Eleganz und gezielten visuellen Akzenten. Das monochrome Grundbild dominiert ein drehbarer, schwarzer Kubus, der auf einer Seite einen sich extrem verkürzten Raum in sich trägt. Dieses schwebenden Zimmer wird bisweilen wie ein Gemälde inszeniert, mit einer Gazewand wie ein Bildnis samt Firnis abstrahiert. Auch werden in diesem Schwarz-Weiß-Ambiente immer wieder mittels Licht überraschende Farbakzente gesetzt oder schlicht mit vertikal von der Decke hängenden Neonröhren der Wald rund um das Räuberlager paraphrasiert.

    Dennoch krankt die Inszenierung an einer eingeschränkten Ensembleleistung – schauspielerisch wie stimmlich. Immer wieder wirkt ein aus der Not geborenes theatrales Hinwerfen unfreiwillig komisch, weil allzu evident einstudiert. Hinzu kommt, dass den Regieeinfällen teils eklatante Stimmausfälle gegenüberstehen. Vincent Schirrmacher bietet als Räuberhauptmann Karl analog zum Orchester eine teils schneidige, solide Leistung, die streckenweise aber vom Forcieren und kleineren Intonationsproblemen getrübt wird. Die ukrainische Hausdebütantin Sofia Soloviy ist eine etwas gutturale Amalie, die einen zu schweren Sopran für die Partie der jungen Liebenden hat.

    Hinzu gesellt sich wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag Kurt Rydl mit seinem charakteristisch oszillierenden Bass, der mittlerweile Amplituden beim Vibrato hat, die an den Ausschlag einer Nadel bei einem Erdbeben erinnern. Den souveränsten Auftritt des Abends lieferte der in Israel geborene Boaz Daniel als böser Bruder Franz mit seinem Bariton – auch wenn es dramaturgisch gewisse Probleme mit sich bringt, wenn der Bösewicht die beste Stimme des Ensembles hat.

    Immerhin führt Jac van Steen das Orchester beinahe angriffig durch die Partitur und versucht, die dem frühen Verdi noch stark eingeschriebenen volksmusikalischen Zitate nicht zu stark herauszuarbeiten. Analog dazu ironisiert Regisseur Schulin die für Ohren des 21. Jahrhunderts irritierenden Tanzrhythmen, indem er die Räuber zu „Wir schänden und foltern“ miteinander ein Tänzchen wagen lässt. Das macht dann zumindest kurzzeitig auch die hinkende Übersetzung von Hans Hartleb vergessen. Und so stand am Ende wieder großer Applaus für alle Beteiligten.