Die schlechten Träume des Herrn Max

    Wiener Staatsoper: Buh-Orgie für den neuen „Freischütz“

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    Von Renate Wagner

    Kaum ein Regisseur unternimmt heutzutage noch den Versuch, Opern so zu realisieren, wie sie einst gemeint waren (was die ultimative Herausforderung an Können und Ideenreichtum darstellen würde). So gut wie alle flüchten in Parallelwelten, die — wie im Fall der jüngsten Staatsopern-Inszenierung von Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ — dann schrecklich „vorbeizielen“ können (es geht schließlich in dem Werk um Treffsicherheit). Jedenfalls wurde die Premiere mit einer so wütenden Buh-Orgie des Publikums aufgenommen, wie man sie lange nicht mehr erlebt hat.

    Regisseur Christian Räth macht aus dem Jägerburschen Max einen Komponisten, der sich offenbar in einem hektischen Traumspiel die Freischütz-Oper ausdenkt. Aber es sind schlechte Träume, die ihn überkommen. Ein Klavier, das auch einmal zu brennen beginnen kann, spielt eine große Rolle, dafür wird die bei Weber so hochdramatische Wolfsschlucht-Szene durch Ideenlosigkeit verschenkt, und die Geschichte am Ende, wenn der Eremit in (in!) einem Kronleuchter vom Himmel schwebt, vollends der Lächerlichkeit preisgegeben, in der sie sich schon die ganze Zeit bewegt. Dass eine so wichtige Figur wie Caspar gar kein Profil erhält, eine so unschuldsvolle Rolle wie das Ännchen hingegen zum lüsternen, androgynen Kindweib wird, erweist die Hoffnungslosigkeit des Konzepts weiter.

    Da auch Dirigent Tomás Netopil beschlossen hatte, Weber „ganz anders“ (aber nicht in bekannter Schönheit, sondern hart und unfreundlich) klingen zu lassen, hing auch der musikalische Segen schief, auch wenn Camilla Nylund und Daniela Fally an sich sehr gute, richtige Besetzung für Agathe und Ännchen gewesen wären, sich aber in ihren seltsamen Regieanweisungen verhedderten. Da auch der Caspar „fehlte“ (der Brite Alan Held kämpfte dermaßen mit der deutschen Sprache, dass er als Figur ausfiel), da Adrian Eröd nur am Ende erschien und nichts retten konnte, hing der Segen des Abends schief.

    Ihm ist eine Teilrettung des Abends gelungen

    Was hätte man nur ohne Andreas Schager getan? Endlich kehrt der Niederösterreicher als Sieger der internationalen Opernbühnen in großen Rollen „heim“, dorthin, wo er hingehört, an die Wiener Staatsoper. Er schmetterte einen Max, wie nur er es kann, und auch, wenn er als unglückseliger „Komponist“ allerlei Unsinn zu vollbringen hatte, ist zumindest diesem einem Sänger eine Teilrettung des Abends gelungen.

    Donnerstag kann man die Aufzeichnung der Oper ab 22.30 Uhr in ORF 2 sehen.