Karl Merkatz: „Die Silvesterfolge schaue ich mir immer an“

Karl Merkatz wird 90 und spricht über den Mundl, 56 Jahre Ehe & die Freundschaft mit Thomas Bernhard

Karl Merkatz in seiner Paraderolle als „Mundl“ Sackbauer
Karl Merkatz in seiner Paraderolle als „Mundl“ Sackbauer © ORF

Er hat in seinem Schauspielerleben mehr als 250 Film- und Fernsehrollen gespielt und ist in über 150 Stücken auf der Bühne gestanden.

Bei einem breiten Publikum bekannt und unglaublich beliebt gemacht haben ihn zwei legendäre Figuren: der Edmund „Mundl“ Sackbauer aus „Ein echter Wiener geht nicht unter“ und der Karl Bockerer aus den gleichnamigen Filmen. Am 17. November feiert Karl Merkatz seinen 90. Geburtstag.

VOLKSBLATT: Herzlichen Glückwunsch zum 90er! Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?

KARL MERKATZ: Wir werden mit der Familie zuhause sitzen und ein Glas Wein trinken. Natürlich kommt die Ortskapelle von Irrsdorf, wo wir seit 1970 leben. Die spielt vor unserer Tür, das wird bestimmt sehr schön.

Blicken wir zurück: Sie sind in Wiener Neustadt geboren und aufgewachsen. Was waren prägende Kindheitserinnerungen?

Der Krieg war sehr prägend, der Einfall der Russen, das ist eine schlimme Erinnerung und natürlich die Bomben.

Wann haben Sie Ihre ersten schauspielerischen Erfahrungen gesammelt?

Als Zehnjähriger habe ich Kasperltheater für Kinder im Haus gespielt. Ich habe mir vom Tischler gegenüber Holz besorgt und ein Theater gebaut. Mit 15, 16 habe ich mit zwei Freunden im Keller der Vorstadtkirche eine kleine Bühne gebaut und für die alten Weiberl gespielt.

Ihre Eltern wollten nicht, dass Sie Schauspieler werden, Sie sollten einen „richtigen“ Beruf erlernen und wurden Tischler …

Die Mutter meinte, die Schauspielerei sei ein „Hungerleiderberuf“ und man müsste etwas Handfestes erlernen. Das habe ich dann mit Not und Pflicht getan. Danach habe ich Geld verdient, damit konnte ich nach Zürich gehen und dort die Schauspielschule besuchen. Nach zwei Semestern hat mich allerdings die Fremdenpolizei hinausgeschmissen, weil ich eigentlich als Arbeitnehmer eingereist war. Dann bin ich ans Mozarteum nach Salzburg und habe dort effektiv Theaterspielen gelernt. Bei der großen Abschlussprüfung gab es einen Preis für den Besten und das war leider ich — die anderen hatten genauso mühsam gearbeitet wie ich. Ich hab’ 7000 Schilling gewonnen.

Dann sind Sie nach Deutschland gegangen …

Ich habe 48 deutsche Schauspielhäuser angeschrieben und bekam von keinem eine Antwort außer vom kleinen Theater in Heilbronn am Neckar. Dort musste ich alles machen: Requisiteur, Souffleur, Bühnenarbeiter … Irgendwann kam ein Nestroy-Stück mit Kurt Weinzierl, „Eisenbahnheirathen“, da fehlte eine kleine Rolle: Am Bahnhof musste man einen Koffer abstellen und einen Satz sagen. Das war mein erster Auftritt in einem richtigen Theater. Dann kamen langsam Angebote. Ich ging nach Nürnberg, dann nach Köln, ans Thalia Theater in Hamburg, an die Münchner Kammerspiele. Knapp zwanzig Jahre war ich in Deutschland tätig.

In Heilbronn haben Sie auch Ihre Frau kennengelernt, mit der Sie seit 1956 verheiratet sind. Haben Sie ein Rezept für eine gute Ehe?

Man muss sich lieben und dem anderen das Recht lassen, so zu sein, wie er will. Wenn man einen Fehler macht, muss man ihn bekennen, dann gibt es ein Verzeihen und Verständnis. Ich hab’ schon einige Fehler gemacht …

Sie waren als junger Schauspieler in Salzburg mit einem gewissen Thomas Bernhard befreundet. Woran erinnern Sie sich in Zusammenhang mit ihm?

Nach unserer Zeit am Mozarteum haben wir uns getroffen und uns sehr gut verstanden, sind ins Kaffeehaus gegangen und haben geplaudert. Es war natürlich etwas schwierig mit dem Bernhard, weil er sehr knapp war und sehr korrekt. Als 1984 sein Buch „Holzfällen“ herauskam und sofort verboten und eingezogen wurde, habe ich am Flughafen noch Exemplare entdeckt und eines mitgenommen. Das habe ich dann im australischen Busch gelesen und Bernhard daraufhin einen Brief geschrieben, der ihn sehr berührt oder gefreut haben muss. Jahre nach seinem Tod besuchte meine Tochter, die ebenfalls Schauspielerin geworden ist, Bernhards Hof in Ohlsdorf. Auf seinem sehr aufgeräumten Schreibtisch ein Brief — das war der meinige. Er liegt heute noch dort. Das ist auch für mich eine sehr große Geschichte.

Sie haben viele Nestroy-, Raimund- und Shakespeare-Rollen gespielt. Auch aus Musicals — Stichwort „Der Mann von La Mancha“ –, kennt man Sie. Ihre Lieblingsrollen?

Die Lieblingsrollen waren Nestroy-Rollen, ich hab’ sehr schöne Nestroys gespielt.

Wie sind Sie dann zu Ihrer Paraderolle, dem Mundl, gekommen?

Nach zwanzig Jahren Theater, in denen man alles Mögliche spielt, einmal große, einmal kleine Rollen, hat mich das langsam etwas enerviert. Das war Anfang der 1970er-Jahre. Im Sommer konnte ich bei den Salzburger Festspielen bei Oscar Fritz Schuh mitmachen oder bei Axel Corti, dessen Assistent war Reinhard Schwabenitzky. Er bekam einen Auftrag vom ORF, das war der „Echte Wiener“, er hat mir das Buch geschickt. Die Rolle gefiel mir nicht, Mundl war zu brutal, schlug immer zu, unterdrückte seine Frau. Schwabenitzky hat das genauso empfunden und wir haben das dann dem Autor (Anm., Ernst Hinterberger) gesagt, worauf der gemeint hat: „Dann macht’s euch das selber.“ Und das haben wir dann gemacht und Recht bekommen. Im Verlauf der Dreharbeiten haben sich dann Sager wie „Du kriegst a Watschn, dass da 14 Tag der Schädel wackelt“ oder „Eh kloa“ entwickelt.

War diese Rolle ein Fluch oder ein Segen?

Ich habe diese Rolle gespielt, das war eine sehr schöne Rolle, ich bin das ja selber nicht.

Insgesamt gibt es 24 Folgen vom „Echten Wiener“ und zwei Kinofilme. Wiederholungen werden regelmäßig im TV gezeigt. Sehen Sie etwas davon?

Ich hab’ sehr wenig davon gesehen. Mir begegnen heute noch Knaben auf der Straße, die mir Mundl-Texte vorsagen, die ich gar nicht mehr kenne. Nur die Silvesterfolge schaue ich mir immer an, weil die sehr köstlich ist. Das war auch beim Drehen eine sehr große Freude.

Eine andere Rolle, die Sie sehr populär gemacht hat, war „Der Bockerer“ …

Das war eine wesentliche Figur, die hat sehr viel in mir selbst nachgespielt, die Empfindungen aus der Zeit. Die Figur, die man spielt, muss immer von innen kommen. Man muss sie nach und nach werden. Die letzte Woche vor einer Premiere hält mich meine Frau nicht aus, weil ich dann ein anderer Mensch werde. Sie lässt mich dann vollkommen in Ruhe bis zur Premiere. Danach spielt man die Rolle, wie man sie einstudiert hat und ist nicht mehr die Person.

Sie haben bis ins hohe Alter Filme gedreht, treten immer noch bei Lesungen auf. Gibt es etwas, das Sie noch reizen würde?

Mein aktuelles Filmprojekt wurde gerade abgesagt. Schauspielerei ist ein Beruf, der nicht aufhört.

Womit und wo verbringen Sie heute Ihre Zeit?

Ich habe an unserem Haus und an denen unserer Töchter, die sich gleich nebenan befinden, sehr viel selbst renoviert — Fenster, Türen, Decken und Fußböden gemacht. Ich habe mir eine ganze Tischlerei eingerichtet und restauriere immer noch Antiquitäten, das ist mir etwas sehr Liebes.

Mit KARL MERKATZ sprach Melanie Wagenhofer

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