Die verdammte Männlichkeit

Alex Garlands „Men“: Tiefe Abgründe und schockierende Bilder

Der fantastische Rory Kinnear in einer seiner Rolle in „Men“
Der fantastische Rory Kinnear in einer seiner Rolle in „Men“ © Filmladen

Die Frau blutet aus der Nase, der Mann fällt, Pusteblumen verbreiten ihren Samen, die Frau beißt beherzt in einen Apfel.

Können Sie den Begriff „toxische Männlichkeit“ noch hören? Was bedeutet er eigentlich? Was genau ist giftig und sollten sich Frauen im finalen Effekt von Männlichkeit fernhalten? Ist damit grundsätzlich die Männlichkeit gemeint und kann der einzelne Mann sich aus diesem nicht enden wollenden Teufelskreis befreien?

Alex Garland („Ex Machina“) geizt in seinem Film „Men“ nicht mit Symbolhaftigkeit. Aber wenn auch manches Symbol einfach zu dechiffrieren ist — Antworten hält der Horrorstreifen keine parat, er bleibt offen für vielfältigste Deutungen.

Harper (Jessie Buckley) flieht nach dem Tod ihres Mannes James in ein Traumhaus am Land, das sie von dessen Besitzer (Rory Kinnear) mietet. Es soll ihr als „Ort der Heilung“ dienen, wie es eine Freundin, mit der Harper via Videocall häufig verbunden ist, ausdrückt. Die soll auch die einzige Frau bleiben, der Harper „begegnet“. Hingegen gibt es viele Männer: einen nackten, mit Wunden übersäten Mann, der sie verfolgt; einen Polizisten, der für ihren Schutz nichts unternimmt; einen neunjährigen übergriffigen Rotzlöffel; einen Pfarrer, der alle Schuld der Welt in ihr und ihrer Weiblichkeit zu finden glaubt — und alle diese Figuren werden von Rory Kinnear dargestellt. Kinnears Leistung ist faszinierend, aber auch Jessie Buckley balanciert Kraft und Verletzlichkeit bestens aus.

Jede Begegnung mit einem Mann ein Horror

Je mehr Harper von den Männern gequält wird, desto deutlicher wird die Erinnerung an James, der sie bedroht und erpresst hat, als sie sich scheiden lassen wollte, der ihr eine unaussprechliche Schuld auferlegen wollte, der sie schließlich mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat. Dann der Sturz vom Dach.

Harper ist stark und trotzdem wird ihre Situation immer auswegloser, Garland schont weder sie noch die Zuschauer. Inzwischen weiß man nicht mehr, ob der optische oder der tiefergründige Horror der schlimmere ist.

Die Wunde, die James in Harper aufgerissen hat, scheint nicht mehr heilen zu können, jede Begegnung mit einem Mann wird zum ultimativen Horror auf dessen Höhepunkt Rory Kinnear zur Pflanze mutiert und eine unaufhörliche Wiederholung von abscheulichen Geburten beginnt.

Mutiert der Mann zum Baum der Erkenntnis? Und wenn ja, welche könnte es dann sein, die er hervorbringt?

Verziehen werden kann nur, was nicht unverzeihlich ist, derjenige, der Unheil bringt, kann nicht zur Heilung beitragen. Ändert sich nichts, bringt der toxische Mann immer und immer und immer wieder nur Gift hervor. So eine der möglichen Lesarten von „Men“. Was kann Frau also tun? Lieben, um IHM sein Seelenheil zurückzugeben … oder steht am Ende die endgültige Erlösung?

Ein schockierender Streifen mit noch nie gesehenen Bildern, der die gesellschaftspolitische Diskussion über patriarchale Strukturen, verdammte Männlichkeit und individuelle Erfahrung mit Gewalt in ein ungewöhnliches, aber nicht minder denkanregendes Licht rückt.

Von Mariella Moshammer

Das könnte Sie auch interessieren

Wie ist Ihre Meinung?

Um Ihre Meinung zu posten, müssen Sie bei Facebook registriert und angemeldet sein.

Social Media Inhalt
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.