Die vergessenen Pandemien

Eine neue Atemwegserkrankung taucht in Asien auf, verbreitet sich um die ganze Welt und tötet hunderttausende Menschen. Dieses Szenario beschreibt nicht nur die aktuelle Corona-Pandemie, sondern – unter anderem – auch die sogenannte Hongkong-Grippe Ende der 1960er-Jahre, die auch als die „vergessene Grippe“ gilt. Aber auch die „Schweinegrippe“ A(H1N1) von 2009/2010 war ein solcher Fall.

Das Virus A(H3N2) trat erstmals Mitte 1968 in Hongkong auf und breitete sich in den darauffolgenden eineinhalb Jahren rund um den Globus aus.

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Weltweit starben etwa zwei Millionen Menschen, allein in den Vereinigten Staaten waren es 50.000. In Europa war Frankreich besonders stark betroffen, dort starben 31.000 Menschen.

„Die Leute wurden in katastrophalem Zustand auf Tragen gebracht. Sie waren ganz grau, starben an Lungenblutungen. Alle Altersgruppen waren dabei, 20-, 30-, 40-Jährige und auch ältere“, erinnerte sich der französische Infektiologe Pierre Dellamonica 2005 in der Tageszeitung „Liberation“ an die Zeit der Hongkong-Grippe. Auf dem Höhepunkt der Epidemie in Frankreich hätten sich die Toten „in den Hinterzimmern der Krankenhäuser und in Leichenhallen“ gestapelt, sagte jetzt der Medizinhistoriker Patrice Bourdelais von der Pariser Hochschule EHESS.

Trotz der vielen Opfer und überfüllter Krankenhäuser blieb die Politik damals weitgehend tatenlos, die Zeitungen berichteten kaum über die Pandemie. Damals hätten Ärzte und die breite Öffentlichkeit fast blind an den medizinischen Fortschritt durch Impfstoffe und Antibiotika geglaubt, nannte Bourdelais einen der Gründe. Außerdem sei der Umgang mit dem Tod ein anderer gewesen.

Die Hongkong-Grippe fiel außerdem in die Zeit des Vietnam-Kriegs und einer schweren Hungersnot in Westafrika. Dies relativierte in der Wahrnehmung die Zahl der Pandemie-Toten.

Heute hingegen sei die Gesundheit das wichtigste Anliegen des Einzelnen, sagte Bourdelais. Vor der Corona-Pandemie habe allgemein die Überzeugung vorgeherrscht, unsere Gesellschaften seien für einen solchen Krankheitsausbruch gewappnet.

Für den Geografen Michel Lussault spiegelt die Corona-Pandemie „das Ausmaß der mit der Globalisierung verbundenen Umwälzungen“ wider mit ihrer riesigen internationalen Mobilität von Gütern, Menschen und Information. Diese Globalisierung zeigt sich auch in den Zeiträumen: 1968 brauchte das Virus A(H3N2) mehrere Monate, um sich von Asien nach Europa und in die USA auszubreiten. Beim Coronavirus dauerte es lediglich ein paar Wochen. Auch das Medienecho – eben ohne Smartphones – war ehemals deutlich geringer.

Eindeutig am katastrophalsten war die Spanische Grippe am Ende des 1. Weltkrieges mit rund 30 Millionen Todesopfern. Die A(H1N1)-Erreger zirkulierten bis 1957 weltweit. „Dann kam die Asiatische Grippe durch einen A(H2N2)-Stamm. Die Spanische Grippe verschwand vom Erdball. Die Asiatische Grippe forderte rund vier Millionen Todesopfer. Warum die Viren der Spanischen Grippe “ausgerottet” wurden, ist unbekannt.

1968 tauchte dann die besagte Hongkong Grippe auf A(H3N2). Seither gibt es keine Viren-Abkömmlinge der Spanischen Grippe mehr. Doch die nachfolgende Russische Grippe aus dem Jahr 1977 (eine Million Todesopfer) verdrängte die Erreger der Hongkong Grippe nicht. Die Erreger einer Englischen Grippe (Jahr 2000/A(H1N2)) verursachten keine weltweite Epidemie.

Anders war das bei der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010. Während in der Öffentlichkeit und in den Medien immer wieder die Rede davon war, dass diese A(H1N1)-Influenza sozusagen „halb so wild“ gewesen sei, sprechen die Statistiken eine andere Sprache. Es gab weltweit rund 500.000 Todesfälle. Junge Menschen, Schwangere und Adipöse erkrankten oft besonders schwer.

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