„Die WEGA ist eine eingeschworene Truppe“

ISTVAN aka Stefan Lukacs nimmt in seinem Thriller „Cops“ die Polizeieinheit ins Visier

„Ich würde gerne einen ,Tatort' machen, der mit der Rolle der Kommissare kritisch umgeht. Manche ,Tatorte' sind reine Polizeiverherrlichung“, sagt Regisseur ISTVAN aka Stefan Lukacs.
„Ich würde gerne einen ,Tatort' machen, der mit der Rolle der Kommissare kritisch umgeht. Manche ,Tatorte' sind reine Polizeiverherrlichung“, sagt Regisseur ISTVAN aka Stefan Lukacs. © Alex Supertramp

Mit ISTVAN sprach Philipp Wagenhofer

Mit „Cops“ hat ISTVAN aka Stefan Lukacs einen kontroversen Film um die WEGA
gefertigt, der jetzt ins Kino kommt. Hier seine Stellungnahme.

VOLKSBLATT: Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

ISTVAN: Ich hab’ vor Cops einen Kurzfilm gemacht, der heißt „Void“. Es ging um einen wahren Fall von Polizeigewalt. Da haben drei Polizisten in Wien einen Schubhäftling aus Gambia (Bakary J., Anm.) schwer misshandelt. Die Geschichte habe ich basierend auf Gerichtsprotokollen, Zeugenaussagen etc. verfilmt. Als der Film rauskam, hat ihn das Innenministerium gekauft. Die zeigen ihn den Polizeischülern im Menschenrechts-Unterricht. Und dadurch habe ich ganz viel Kontakt zur Polizei gekriegt.

Da war Ihnen klar, dass Sie wieder in diesem Bereich arbeiten wollen?

Ich hab’ ziemlich schnell gemerkt, dass das eine Riesenwelt ist, die sich mir da plötzlich auftut — und ich habe da relativ exklusiven Zugang zu dieser Welt und kann da jetzt auch recherchieren. Ich habe gleich gewusst, ich will da jetzt eine größere Geschichte draus machen.

Warum waren Sie da so fixiert auf die WEGA?

Weil sie einen Mikrokosmos im Mikrokosmos darstellt. Die Polizei ist an sich schon eine Welt, die relativ abgeschlossen ist vom Rest der Gesellschaft. Und die WEGA ist in der Polizei noch einmal abgeschlossen, eine eingeschworene Truppe, 200 Mann, die sitzen in der Rossauer Kaserne, ein besseres Feld für so eine Studie gibt’s eigentlich nicht.

Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?

Die ist natürlich frei erfunden, aber sie beruht auf unterschiedlichen Fällen. Ich habe mir solche angeschaut, wo Polizisten Schusswaffengebrauch hatten. Die habe ich in eine Geschichte verpackt.

Wie ein Puzzle?

Ja, so ein bisserl, wo es halt um eine Person geht, die da reingezogen wird und daran fast zerbricht.

Haben Sie Leute getroffen, die geschossen haben?

Ja, ich hatte einen Polizisten, der mir in meiner Recherche sehr ausführlich und sehr freizügig darüber erzählt hat. Das war ein Streifenpolizist. Der ist zu einem Einsatz gerufen worden, zu einem Überfall auf eine Post mit Sparkasse. Der Räuber kam da raus und hat auf ihn geschossen. Und der Polizist hat zurückgeschossen und den Räuber erschossen. Und der hat sich damals gedacht, keine Frage, er geht natürlich am nächsten Tag wieder in den Dienst. Erst viele Jahre später ist er draufgekommen, dass er nicht normal ist, immer noch Albträume hat, sich Vorwürfe macht. Der war traumatisiert von diesem Erlebnis, wollte sich das aber nicht eingestehen, weil das nicht thematisiert wurde in seinem Umfeld. Viele Jahre später hat er eine Therapie begonnen und das verarbeitet.

Ist das eine realistische Basis, wenn man das Männerbündlerische der WEGA auf diese Art zeigt?

Das ist natürlich ein Film, eine Fiktionalisierung. Und es ist bis zu einem gewissen Grad ein dystopischer Film. Es wird vor Tendenzen gewarnt, auf die sich die Polizei nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt hinbewegt. Es gibt diese Tendenz zu mehr Militarisierung der Polizei, mehr Abschottung der Polizei. Man versucht, glaube ich, die Polizei von der Bevölkerung eher zu entfernen, damit möglichst wenig Bezug besteht. Man hat als Polizist eher Angst vor der Bevölkerung. Die Polizisten sagen auch immer: Die Bevölkerung habe immer weniger Respekt. Das stimmt sicher zu einem gewissen Grad, auf der anderen Seite wird dieses Denken auch innerhalb der Polizei gefördert. Jeder Bürgerkontakt kann eskalieren …

Ist das Obrigkeitsdenken in der Bevölkerung weniger?

Ja, natürlich, was ja eigentlich eine positive Entwicklung ist. Die Leute haben Handys und können jede Amtshandlung filmen und fürchten sich auch nicht mehr, das zu tun, trauen sich auch zurückzureden.

Die WEGA sieht natürlich viel gefährlicher aus als irgendein Streifenpolizist.

Der Film nimmt die WEGA als Beispiel her, aber das ist kein Film gegen die WEGA. Es geht da um größere Tendenzen. Zum Beispiel sollen ja jetzt Streifenwagen mit Sturmgewehren ausgestattet werden in Österreich. Auch die Streifenpolizei entwickelt sich immer mehr hin zu einer aufgerüsteten Einheit.

War es schon immer geplant, dass da Rapid-Ultras, Hooligans vorkommen?

Ich habe mir überlegt: Was kann der Vater der Hauptfigur (gespielt von Roland Düringer, Anm.) für ein Polizist sein? Er sollte viel Bürgerkontakt haben und auch ein Vertrauensverhältnis zu den Bürgern aufbauen. Da hat sich diese Szene angeboten. Das sind Verbindungsbeamte zwischen der Exekutive und den Fan-Vereinen. Die arbeiten quasi mit dem Feind. Wir hatten das Glück, eine Partie von Rapid-Anhängern zu finden, die mit großer Begeisterung mitgemacht hat. Die durften auf einmal legal auf Polizisten eindreschen. Aber sie waren auch respektvoll und es hat sich niemand verletzt, weil die aufgepasst haben. Es war eine Hetz für beide Seiten.

Gibt es Reaktionen von der WEGA auf den Film?

Der Film kommt ja jetzt ins Kino und ich denke, es wird dann auch eine offizielle Reaktion geben von der Polizei, derzeit gibt’s das noch nicht. Aber es haben das ein paar Leute von der WEGA privat gesehen, darunter ein Kommandant. Der hat gesagt, dass seiner Meinung nach der Film die WEGA völlig falsch darstellt. Das war für mich nicht überraschend.

Ich finde den Hauptdarsteller Laurence Rupp stark.

Der spielt am Berliner Ensemble. Für mich war bei „Void“ schon klar, dass ich wieder mit Laurence Rupp und Anton Noori drehen will und habe ihnen die Rollen im Kopf auf den Leib geschrieben.

Waren viele Proben erforderlich, er macht ja einen großen Wandel durch.

Ja, er hat sich fast zwei Jahre vorbereitet. Er hat auch relativ früh mit Krafttraining begonnen sich megamäßig aufgepumpt. Und wir hatten auch einen Cobra-Ausbildner.

Die Polizisten im Film sind alle Schauspieler?

Man kann für den „Tatort“ echte Polizisten engagieren, aber nicht, wenn man einen kritischen Film über die WEGA macht.

Es hat schon Preise gegeben. Lässt das erahnen, dass „Cops“ gut laufen könnte?

Ich hoffe sehr, dass der Film gut läuft. Die Publikumspreise sind auf jeden Fall eine schöne Auszeichnung, weil es zeigt, dass es den Leuten, für die man die Filme macht, gefällt. Ich will viele Leute erreichen, nicht nur die, die eh aus meiner Blase kommen, sondern auch Leute, die andere Ansichten haben.