Die Wolken, der Rechtsstaat und Minigolf

Rundgang: Ars Electronica-Basis „Kepler's Garden“ auf dem Campus der Linzer Kepleruniversität

„The Pangolin Scales“: 1024 Hirnsensoren steuern ein modisches Gewand.Olga Kisseleva erforscht, wie Bäume miteinander „kommunizieren“, einander warnen und so resilienter werden.
„The Pangolin Scales“: 1024 Hirnsensoren steuern ein modisches Gewand.Olga Kisseleva erforscht, wie Bäume miteinander „kommunizieren“, einander warnen und so resilienter werden. © Anouk_Wipprecht Olga Kisseleva studio

Zwei Burschen schlendern am Teich entlang, Gesprächsfetzen: „… sollte man sich Zeit nehmen.“ Ja eben. Gilt sowieso, gilt speziell für die Ausstellung „Kepler’s Garden“ auf dem Campus der Linzer Kepleruniversität. Optische und akustische Signale sind gewissermaßen nur Oberfläche (oder künstlerisches Erzeugnis!). Welche Technologien, welche Motivationen liegen den Oberflächen zugrunde?

„Kepler’s Garden“, zu dessen Erforschung kaum die Festivaltage bis Montag ausreichen, ist zentraler Knotenpunkt von mehr als 100 weiteren internationalen „Gärten“. Weg von einem im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäßen Konzept, wie Gerfried Stocker im Gespräch mit dem VOLKSBLATT befindet. Der künstlerische Leiter der Ars Electronica verwirft das alte egomanische „Mein Content (= Inhalt) soll die Welt beglücken“, stattdessen heißt es „zusammenkommen, sich austauschen“.

Aus der Corona-Not haben die Veranstalter eine Tugend gemacht, das Festival wabert heuer zwischen physisch erlebbarer und virtueller Präsenz. Linzer und internationale Projekte sind über die Dauer der Ars Electronica hinaus im Internet zu verfolgen: ars.electronica.art/keplersgardens.

Hocherfreut zeigt sich die Linzer Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer. Ein „Nerv der Zeit“ wurde damit getroffen, das Festival über neue Medien in die Welt hinauszutragen. Visionär sei, „auch in der Krise zu agieren“, das Festival heuer „größer und sichtbarer denn je“.

„Zurück auf die Bäume“ funktioniert nicht

Ein Presserundgang gab gestern Einblicke, ein Thema steht bei den Arbeiten stark im Vordergrund: Ökologie. So genannte „Natur“ wohl das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts, paradoxerweise braucht es zur Eindämmung ihres Verlustes viel Technologie („Zurück auf die Bäume“ funktioniert eher nicht). Algorithmen (= Berechnungsmodelle) werden eingesetzt, die Russin Olga Kisseleva paart genetisch alte Sorten von Ulmen mit neuen. In einer zweiten Phase erforscht Kisseleva, wie Bäume miteinander „kommunizieren“, einander Warnsignale senden und so resilienter (Widerstand unter Stress) werden. Klingt höllisch esoterisch, könnte aber hohen praktischen Nutzen haben.

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Ein US-Schweizer Trio bildet auf dem Freigelände mit einer Maschine Wolken nach, deren Grundlage ein algorithmisches, im Wind kodiertes Gedicht. Lyrisches Spiel wie „Machine in Flux – Wood“ von Sunjoo Lee und Ko de Beer: Sensoren messen das Wetter, die „Maschine im Fluss“ zeichnet entsprechende Linien, Wind etwa bläht eine Linie auf. Eher filigrane Anordnungen, imposant „Fulldome“ von Künstlern der Wiener „Angewandten“.

In einer Kuppel (maximal 36 Personen) zieht raschelndes Blattwerk über die Köpfe, gibt die Konfrontation von Tiergeräuschen und Beton eine Ahnung davon, was verloren gehen könnte oder vielleicht schon verloren gegangen ist.

Auf konkrete Anwendung zielt „The Pangolin Scales“, das einer Zusammenarbeit zwischen Kepleruni, einem High-Tech-Unternehmen und der Designerin Anouk Wipprecht entsprang. 1024 Hirnsensoren steuern ein modisches Gewand, die vermeintliche Spielerei mit enormen medizinisch-therapeutischen Konsequenzen. Zur Veranschaulichung: Bislang erreichte 64 Kanäle können einem Schlaganfall-Patienten ermöglichen, die Saiten einer Gitarre zu schlagen. Was ist mit 1024 Kanälen möglich?

„Wahrheitskammer“, die Lügen aufdeckt

Digitales, Algorithmen, die viele Lebensbereiche erfassen werden. Die juristische Fakultät forscht auch, eine „Wahrheitskammer“, die anhand von Pupillenbewegungen Lügen aufdeckt — vor Gericht einsetzbar?

Künstliche „Intelligenz“, die Verwaltungen effizienter macht und selbst „Entscheidungen“ trifft: Wie sähe dann Rechtsschutz aus? Transparente Daten versus Datenschutz, was stützt eine Demokratie? Die Rechtsmaterie kniffelig, dazu einige Forschungsprojekte.

Dart, bei dem jeder ins Schwarze trifft

Mehrstündiger Rundgang, gerade ein paar Häppchen erhascht, das Köpflein raucht. Entspannen möglich bei „Magic Darts“ im Science Park. Jeder trifft hier ins Schwarze, weil Sensoren die Flugbahn messen und entsprechend die Zielscheibe bewegen (Anwendung für künftige Automobile!).

Oder sich mit jungen Leuten der Kunstunis vergnügen, entzückendes Exempel „Lochtopia feat. SISI“. Minigolf neben dem Teich, menschliche Körper definieren den Parcours mit. „Störungen im öffentlichen Raum“, erklärt eine Künstlerin schelmisch. Der öffentliche Raum gehört dir und mir.

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