Die Zärtlichkeit der „Verrückten“

Altmünster: Hermann Beil las „Wittgensteins Neffe“ von Bernhard

Liebkost Thomas Bernhards Text, inhaliert ihn: Hermann Beil
Liebkost Thomas Bernhards Text, inhaliert ihn: Hermann Beil © Rudi Gigler

Jahre drückender Melancholie lagen hinter ihm, schreibt Thomas Bernhard. Oft sei er nahe dran gewesen, „eigenhändig Schluss“ zu machen. 1967 liegt Bernhard im Wiener Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe, der schwer Lungenkranke kämpft gegen den Tod. 200 Meter weiter in der psychiatrischen Klinik darbt Paul Wittgenstein, ein Neffe des berühmten (außer in Österreich) Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Seinen „Retter“ nennt Bernhard Paul Wittgenstein, den eine „sogenannte Geisteskrankheit“ niederdrückt. Beide sind verrückt, aber er, Bernhard, habe seine Verrücktheit „immer beherrscht“, während sich Paul ihr hingab und in ihr verlor.

„Wittgensteins Neffe“, 1982 erschienen, gehört neben „Alte Meister“ zum Warmherzigsten, das Bernhard geschrieben hat. Wer wäre besser geeignet als Hermann Beil, diese innige, stellenweise sogar zärtliche, gewiss auch literarisch überhöhte Geschichte einer Freundschaft vorzutragen? Beil, Teil des legendären Theater-Kleeblatts mit Bernhard und Claus Peymann, liebkost den Text förmlich, inhaliert ihn.

Die Zuneigung zu Bernhard Jahre nach dessen Tod 1989 spürbar, der Respekt vor dem künstlerischen Werk, der Kraft, der Melodie der Sprache. Am Dienstag las Beil bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden, der Vortrag in der Pfarrkirche Altmünster ein Fest für Bernhard-Fans.

Komödie am Abgrund

Große Komödie, die sich aus der Nähe zum Tod speist, wenn Bernhard über Ärzte, Psychiater und Patienten herzieht. Jämmerlich die Diagnosen, die sich hinter Wörtern wie „manisch“ oder „unheilbar“ verstecken und naturgemäß immer falsch sind. Erbärmlich die Patienten in ihrem Übermut. Achtet ein Genesender darauf, schrittweise ins Leben zurückzukehren? Bernhard wüsste es natürlich besser: „Nein, er tritt ins Freie und bringt sich selbst um.“

Wilde Dispute über die Kunst, Pauls „Opernfanatismus“ und sein Hass auf Karajan. Kolossal die Passage zur Grillparzerpreisverleihung 1971, die sogar den guten Hermann Beil aufwühlt. Stand er zunächst aufrecht und ruhig, gestikuliert Beil nun aufgeregt. Die jenseitige Wissenschaftsministerin, die „Wo ist denn der Dichterling?“ rief, draußen Paul, der Bernhard das unfassbare Demütigungsritual erläutert: „Sie haben dir auf den Kopf gemacht.“ Wechsel der Tonlage, als es mit Paul zu Ende geht und Bernhard Berge von Asche über sein Haupt streut. Seine „Niedrigkeit“, die Liebe zum Freund, dessen Umarmungen er am Ende fürchtet, den er flieht. „Ich!“ – Beil ruft das Wort verzweifelt aus – „Ich hätte mich zu melden gehabt!“

Paul Wittgenstein starb 1979 im damaligen Wagner-Jauregg-Krankenhaus in Linz, sein Grab am Wiener Zentralfriedhof will der Autor Bernhard nie besucht haben. Ein Schmerz, eine Scham, das Ende ist immer fürchterlich. Großer Abend, famoser Vortrag von Beil.

Von Christian Pichler

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