Dieser „Held“ ist die einzig mögliche Konsequenz unserer Zeit

Joaquin Phoenix brilliert als Hauptdarsteller in Todd Phillips „Joker“

Joaquin Phoenix — vielleicht in der Rolle seines Lebens als Arthur Fleck.
Joaquin Phoenix — vielleicht in der Rolle seines Lebens als Arthur Fleck. © Warner Bros.

Der Applaus brandet auf, die Menge johlt, reißt die Arme in die Höhe, feiert ihren Helden frenetisch und grenzenlos. Der Mann, dem sie maßlos zujubeln, genießt den unerwarteten Ruhm, sein Gesicht zeigt Verwunderung, Begeisterung, Stolz. Die Menschen spiegeln ihn mit ihren Verkleidungen wider. Hunderte Clowns, bereit.

Ruhm und Anerkennung, wollen wir das nicht alle? Arthur Fleck wird nicht einmal beachtet von der Welt. Er ist der Abschaum, der psychisch krank nicht gesehen, ausgelacht und missachtet wird. Er lebt mit seiner Mutter, wäre gerne Comedian, verdient sein Geld aber als billiger Clown. Die Verzweiflung wird größer, greif- und spürbarer, entlädt sich in massiver Gewalt, drei junge Männer, elitär und reich, werden niedergemetzelt.

Todd Phillips „Joker“ schlug bereits vor dem Kinostart heftige Wellen. In Venedig wurde der Streifen rund um den Bösewicht aus dem Batman-Universum mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, Hauptdarsteller Joaquin Phoenix für seine Darstellung — völlig zu Recht — über die Maßen gelobt. Die anderen fürchten die Verherrlichung eines coolen Killers mit Kultstatus. Bei der Premiere des Batman-Films „The Dark Knight Rises“ mordete 2012 ein Mann in einem Kino, vor Gericht erschien er mit gefärbten Haaren — wie der Joker.

Charismatischer und roher Hauptdarsteller

Nun ist der Film mit Phoenix als gebrochener und zerstörter Arthur Fleck, der in der Rolle des Jokers aufgeht und als mordender Clown und zufälliger Anführer einer wütenden und enttäuschten Gesellschaft endlich das findet, was ihm ewig verwehrt blieb, in den heimischen Kinos angekommen. Es ist eine Charakterstudie, ein Film, der auf seinen außergewöhnlich charismatischen und rohen Hauptdarsteller setzt, der sich aber auch eindringlich der Gier nach Ruhm stellt, jene Momente sichtbar macht, in denen eine Bewegung kippt, die Kontrolle wegbricht, das Chaos bleibt. Gotham City hat keinen Platz für Arme, Schwache und Kranke. Da nehmen sie ihn sich und machen den Killer zu ihrem Führer.

Die comichaften Momente, die Phillips so bedacht und perfekt einsetzt, geben dieser großartig erzählten Geschichte den letzten Kick. Wenn Arthur Fleck in voller Clownsmontur leichtfüßig über jene Treppe tänzelt, über die er sich davor Tag für Tag wie geprügelt geschleppt hat, ist das ein wahrer Augenblick der Erkenntnis. Hier ist ein neuer Mann entstanden, aus all dem Dreck heraus, der ihn umgibt — und es ist ein gefährlicher Mann. Es scheint das einzige, das in der verrohten Welt noch entstehen kann.

Ein hervorragender Film, der, angesiedelt in den frühen 80ern, die Geschichte unserer Zeit erzählt mit einem „Helden“, der die einzig mögliche Konsequenz zu sein scheint.

Von Mariella Moshammer

Wie ist Ihre Meinung?