„Diktatur ist ein verführerisches Angebot“

Der Regisseur über „Leander Haußmanns Stasikomödie“, die DDR und Doofköppe

Regisseur Leander Haußmann bei seinem Besuch in Wien. Im Gepäck hatte er seinen neuen Film „Leander Haußmanns Stasikomödie“, in dem ein jung frischgebackener Stasi-Mitarbeiter die alternative Künstlerszene in Ostberlin bespitzeln soll.
Regisseur Leander Haußmann bei seinem Besuch in Wien. Im Gepäck hatte er seinen neuen Film „Leander Haußmanns Stasikomödie“, in dem ein jung frischgebackener Stasi-Mitarbeiter die alternative Künstlerszene in Ostberlin bespitzeln soll. © APA/Fohringer

„Leander Haußmanns Stasikomödie“ ist ein Film über die Jugend, die Liebe, die Feigheit und den Mut. Und er spielt in der DDR, in der der Theater- und Filmemacher einst aufgewachsen ist und als Künstler gearbeitet hat. Einer, der sich auskennt.

VOLKSBLATT: Ist die Komödie die einzige oder wenigstens beste Art, um der Stasi heute zu begegnen?

LEANDER HAUSSMANN: Jetzt kommt das Ekelhafteste, was man auf eine Frage antworten kann.

Eine Gegenfrage?

(lacht) Ja, eine Gegenfrage. An welche Filme erinnert man sich? Komödien — und übrigens auch Horrorfilme — sind ein Genre, das muss sich alle drei bis vier Jahre neu erfinden. Der Reiz ist es, dass man die Menschen dazu bringt, über etwas zu lachen, wo man denkt, das hätten sie schon hinter sich.

Die größten Filme in der Zeit des Kinos sind Komödien. Charly Chaplins „Der große Diktator“ war sogar während des Krieges ein probates Mittel, um über Hitler zu lachen. Das Gute an Komödien ist die Abwesenheit von Moral. Ich habe keine politischen Absichten und keinen Auftrag, jemandem zu sagen, die DDR war ein Unrechtsstaat.

Heute haben wir einen wunderbaren Staat, ohne den Arsch hochkriegen zu müssen. Da wird einer wie der Graf von Monte Christo eingesperrt, nur weil er in die Welt gerufen hat, dass was da nicht richtig ist, dass da auf Zivilisten geschossen wird von der Luft aus, wie im Videospiel. Dafür wird er bestraft, kriegt einen Bart und wird krank. Alle wissen wir das!

Aber „Die Welt ist in Ordnung!“ sollen wir sagen, denn die DDR war Unrecht. Was ich sagen will: Natürlich war die DDR schlecht, aber kommt mal von dem hohen Ross der Gegenwart runter! Am Ende wissen wir immer, was richtig war. Aber wissen wir es auch im Moment? Komödie versucht, die Dinge zu relativieren, nicht in Gut und Böse zu denken.

Ist es eine persönliche Genugtuung, die Herren der Staatssicherheit im Film als völlige Doofköpfe darzustellen?

Mannomann, die waren Doofköppe! Ich habe noch nie so gelacht in diesem Land wie damals. Das waren die, die Clowns, die Idioten.

Sie kannten ja selbst die Szene im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zu DDR-Zeiten …

Ich kann nur Filme machen über Menschen und Dinge, die ich kenne. Wenn ich die „Drei Musketiere“ machen würde, wären die Vorbilder Freunde, Bekannte … Damals wurden inmitten des Staates in Prenzlauer Berg Häuser besetzt mit dem Wissen des Staates, und das entwickelte sich wie so ein Kaninchenbau. Und irgendwann sagte man dann auch wie im Film: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Und: Wer sind diese Leute, die wir da hineingelassen haben? Dann wollte man alles wegreißen und Plattenbauten hinbauen. Solche Pläne gab es damals sicher.

Inwiefern sind denn die zwei später enttarnten Stasi-Spitzel Sascha Anderson und Rainer Schedlinski in Ihre Hauptfigur eingeflossen?

Ich kenn diese Leute nicht, die sind zu unsympathisch und waren nicht geeignet für die Figur von Ludger. Der ist rein und unschuldig und ist direkt in den Kaninchenbau geschickt worden. Der Film feiert die Jugend, das Schöne. Die Stasi steht für das Erwachsene, das Altgewordene, die Stasi ist der verlängerte Arm des Kleinbürgertums, der den Spaß verderben will. Das ist uns nicht fremd. Und es ist eine Frage des Temperaments und des Muts, ob man ausbrechen kann. Niemand wollte eingesperrt oder erschossen werden.

Das gilt so auch heute …

Eine Diktatur ist ein verführerisches Angebot für den kleinen Mann und die kleine Frau. Da wird versucht, das Schöne zu vernichten und uns in einer kollektiven Hässlichkeit zu halten. Und das Erste, das sie vernichten, ist der Humor. Die Ersten, die über die Klinge springen, sind die Schauspieler und die Komödianten. Nichts muss eine Diktatur so sehr fürchten, wie wenn man über sie lacht. Das einfachste Mittel, um sie zu entlarven, ist, über sie zu lachen!

Mit LEANDER HAUSSMANN sprach Mariella Moshammer

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