„Django“ im josephinischen Wien

„Keiner von euch“, spätes Romandebüt des Dramatikers Felix Mitterer

Felix Mitterer legt mit „Keiner von euch“ seinen ersten Roman vor.
Felix Mitterer legt mit „Keiner von euch“ seinen ersten Roman vor. © Haymon Verlag/Fotowerk Aichner

Sklavenhändler entführen den achtjährigen Mmadi Maké. Der Knabe landet in Messina als Geschenk für das adelige Mädchen Clara. Maké wird katholisch auf Angelo Soliman getauft, arbeitet sich zum Kammerdiener hoch.

Für Kaiser Joseph II. ist der elegante und gebildete Afrikaner ein willkommener Gesprächspartner. Das Misstrauen, für die Weißen nur ein Spielzeug zu sein, begleitet Soliman ein Leben lang. Die Befürchtung erfüllt sich nach seinem Tod 1796 auf öbszönste Weise. Der Körper des berühmten Mannes wird präpariert, als „Neger“ und „Wilder“ ziert er das Kaiserliche Naturalienkabinett.

Mitterer greift tief in die Trickkiste

Autor Felix Mitterer will Angelo Soliman spürbar Gerechtigkeit widerfahren lassen. Geht das? Der Dramatiker Mitterer, 72 Jahre, greift in seinem ersten Roman „Keiner von euch“ tief in die Trickkiste, um das Wien der erzkonservativen Maria Theresia und ihres aufklärerischen Sohnes Joseph lebendig werden zu lassen. Tiefe Einfühlung Mitterers in die Figuren, knackige Dialoge, rasante Handlung. Spannende Lovestory zwischen Soliman und Clara, monströse Bösewichte bekämpfen gleichermaßen Soliman und Josephs Reformpläne.

Fürst Thurnstein ein Knabenschänder, auch der junge Soliman muss ihm beischlafen. Professor Hoffmann, Leibarzt des Kaisers, ein Dämon und früher Verfechter der NS-„Euthanasie“ („Die Irren sind nicht heilbar“).

Ein abscheuliches Verbrechen, der vermeintliche Ritualmord wird Soliman angelastet. Detailliert beschriebene Folter, abenteuerliche Flucht Solimans, Begnadigung. Doch die Feinde lauern weiter, der Kaiser geht bereits an Schwindsucht zugrunde.

Mitterer trägt dick auf. Sehr dick. Er dreht an Rädchen der Historie und füllt die dürftig überlieferte Biografie Solimans mit viel Fantasie auf.

Soliman und Clara heiraten. Wo? Es muss der Stephansdom sein, der quicklebendige Mozart umrahmt musikalisch. Beim Porträt Mozarts gelingen Mitterer gute und kräftige Pinselstriche. Ein witzig-frivoles Genie, das auch Joseph belehrt: „Zu viele Noten, Majestät? Ich schreibe immer nur so viele Noten, wie es braucht!“

Parallelen zum aktuellen Rassismus

Ein Weißer mordet aus persönlichen Motiven, ein Schwarzer mordet, weil er Schwarzer ist. Ein ganzes Gebälk im Auge hat, wer nicht Parallelen zum aktuellen Rassismus sieht. Mitterer überhöht seinen Helden tarantinoesk, „Django unchained“ in den Gassen des josephinischen Wien: „Dem zweiten schlug ich die Nase ein und die Kinnlade zu Trümmern, er sank dumpf aufschreiend zu Boden.“ Durchgehend behilft sich Mitterer mit Schundheftl-Ästhetik, die mit dem Ernst seines Anliegens kollidiert.

Gescheit, kurzweilig und famos komponiert

Nicht jeder mag dem Autor darin folgen. Dennoch ist „Keiner von euch“ gescheit, kurzweilig und famos komponiert.

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