Domingos Kraftakt

Wiener Staatsoper: „Nabucco“ zum 80er

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Nabucco_D5A3235_DOMINGO.jpg © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Abtreten will er nicht, solange man ihn noch auftreten lässt — das hat Placido Domingo in vielen Interviews zu seinem 80. Geburtstag klar gemacht. Und die Wiener Staatsoper ist ein Ort, wo er immer zuhause war und man ihn nicht, wie anderswo, nach den #MeToo-Vorwürfen vertrieben hat. Darum fand die Festaufführung zu seinem 80. Geburtstag auch hier statt.

Mit dem Nabucco, eine jener Partien, die in seiner zweiten, der Bariton-Karriere, wichtig für ihn geworden ist. Auch weil sie — eine Herrscher- und Vater-Rolle — gut zu ihm passt. Dass die Vorstellung (fast) ohne Zuschauer für die digitale Welt stattfand — das ist leider in Corona-Zeiten mittlerweile harte Realität geworden. Schlimm allerdings für einen Künstler, dem das Publikum nach eigener Aussage so wichtig ist.

Prachtvolle Rollen in Verdis „Nabucco“

Verdis „Nabucco“, neben dem „Macbeth“ das berühmteste seiner Frühwerke, genießt zwar besonderen Ruhm für seinen „Gefangenenchor“ (der einst auch in der Geschichte der italienischen Freiheitsbewegung wichtig wurde), hat aber prachtvolle Rollen. Sie könnten sich natürlich besser entfalten, wenn die biblische Geschichte nicht in heutigen Gewändern auf fast leerer Bühne stattfände, aber mit dieser öden Inszenierung von Günter Krämer lebt man in Wien schon seit zwanzig Jahren.

Placido Domingo, natürlich nicht wie der Nebukadnezar der Bibel, sondern wie ein Firmenchef von heute wirkend, erstaunt nicht zum ersten Mal damit, wie sehr er die Reste seines einst prachtvollen Tenors mit Technik und Erfahrung immer noch zu einer gültigen Leistung herbeirufen kann. Gewiss, es ist ein spürbarer Kraftakt, wirkt aber nie kläglich oder peinlich. Im Gegenteil — wer sich nicht vorgenommen hat, den alten Herren zu verunglimpfen (was auch unter den gedruckten „Geburtstags-Geschenken“ zu finden war), muss ehrlich gestehen, dass seine Leistung bewundernswert war.

Weniger gelungen war der Rest der Besetzung

Weniger gelungen war der Rest der Besetzung: Anna Pirozzi, eine „böse“ Abigail mit gewissermaßen genau solcher Stimme, Freddie De Tommaso, ein Tenor, der nur Lautstärke produziert, besser der solide Bass von Riccardo Zanellato, noch besser der schöne Mezzo von Szilvia Vörös.

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Und am allerbesten Marco Armiliato am Pult, ein Maestro der alten Schule, der seine italienischen Werke mit aller differenzierten Feinfühligkeit im kleinen Finger hat. Am Ende, es lief im Stream schon der Abspann, hörte man, wie das Ensemble auf der Bühne „Happy Birthday“ für Placido Domingo sang. Ein Wunsch, dem man sich im Dank für viele unvergessliche Abende gerne anschließt.

Die auf Ö III gesendete Aufführung ist in der Mediathek des ORF abrufbar.

Von Renate Wagner

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