Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben

„Ein Sohn ist uns gegeben“ — mit diesem neutestamentarischen Zitat (Jesaja 9,5) überschreibt Donna Leon ihren neuen, den 28. Brunetti-Roman, der einmal mehr ins private Umfeld des venezianischen Commissario führt.

Für den über 80-jährigen kinderlosen, stinkreichen Gonzalo Rodríguez de Tejeda stellt sich die Frage, was mit seinem Vermögen nach seinem Tod passieren soll. Mit seiner Familie hat sich der Adlige überworfen. Nun erwägt er ernsthaft, seinen 40 Jahre jüngeren Liebhaber zu adoptieren.

Brunetti wird von seinem Schwiegervater „beauftragt“, etwas über den charmanten Attilio Circetti, Marchese di Torrebardo, herauszufinden, was ihm widerstrebt. Er tut es — schließlich auch ganz offiziell, denn etwas läuft gewaltig schief. Der Commissario brilliert dieses Mal mit tiefgründigen Gedanken über Gewalt an Frauen und der Ohnmacht Besiegter, ja über die Sinnlosigkeit von Kriegen im Allgemeinen und Besonderen. Leons Ausflüge in philosophische Gefilde machen die Stärke des Buches aus.

Sie verstärken den Effekt, menschliche Gier in der Vergangenheit mit dem heutigen Streben nach Macht und Wohlstand zu vergleichen und so die Motive für Untaten besser zu erkennen und zu verstehen, ohne sie gutzuheißen. Das heißt im Klartext, der neue Fall ist spannend, aktuell und wieder einmal unwiderstehlich sympathisch in all seiner Komplexität.

Donna Leon: Ein Sohn ist uns gegeben. Diogenes Verlag, 320 Seiten, 24,70 Euro

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