Dramatische Prognosen für die Kirchen

Laut Studie werden sich in Deutschland bis 2060 Mitglieder und Einnahmen halbieren

Anfang Mai hat eine Studie die deutsche Kirchenlandschaft erschüttert. Das Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwig-Universität hat nämlich erstmals eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für die katholische und evangelische Kirche in Deutschland erstellt. Den Berechnungen der Freiburger Wissenschaftler zufolge werden die Mitgliederzahlen beider Kirchen bis 2060 um etwa die Hälfte zurückgehen.

Die Zahl der Kirchenmitglieder wird demnach von 44,8 Millionen im Jahr 2017 bis 2035 auf 34,8 Millionen zurückgehen (minus 22 Prozent) und bis 2060 auf 22,7 Millionen (minus 49 Prozent) sinken. Die Zahl der Katholiken wird laut Prognose von 23,3 Millionen (2017) zunächst auf 18,6 Millionen in 2035 (minus 21 Prozent) auf 12,2 Millionen im Jahr 2060 sinken — also um insgesamt rund 48 Prozent. In der evangelischen Kirche ist der Mitgliederschwund sogar noch etwas höher (51 Prozent). Dies ist nicht nur demografisch bedingt, einen größeren Einfluss hat das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten.

Am wahrscheinlichsten ist ein Kirchenaustritt der Erhebung zufolge bei jungen Leuten zwischen 25 und 35 Jahren — Menschen, die mit dem Eintritt ins Erwerbsleben erstmals Kirchensteuer zahlen müssten. Bis zum 31. Lebensjahr treten 31 Prozent der getauften Männer und 22 Prozent der getauften Frauen aus der Kirche aus.

Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen werden sich auch die finanziellen Möglichkeiten der beiden Kirchen bis 2060 in etwa halbieren.

Ausgaben verdoppeln sich

Die sinkende Zahl an Kirchensteuerzahlern wird dazu führen, dass die Einnahmen nicht im gleichen Maße wachsen wie die Ausgaben, so dass einem tendenziell stagnierenden Kirchensteueraufkommen steigende Preise für kirchliche Ausgaben — vor allem im Personalbereich — gegenüberstehen. Um sich im Jahr 2060 den gleichen kirchlichen Warenkorb leisten zu können wie 2017, bräuchten die Kirchen knapp 25 Milliarden Euro — sie werden aber den Berechnungen zufolge nur 12 Milliarden zur Verfügung haben.

Laut Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen haben die Kirchen in den kommenden zwei Jahrzehnten allerdings weiterhin genug Ressourcen, um die Weichen zu stellen.

Österreich betroffen

Für Österreich kenne er keine vergleichbare Studie und er könne auch nicht sagen, ob und inwieweit die deutsche Studie auf Österreich umlegbar ist, erklärt der verantwortliche Wissenschaftler David Gutmann auf VOLKSBLATT-Anfrage. Klar ist aber, dass auch in Österreich die Katkolikenanzahl rapide abnimmt, im Schnitt hatte die katholische Kirche in den vergangenen zehn Jahren jedes Jahr um etwa 50.000 Gläubige weniger. Von 2008 bis zum Jahr 2018 hat sie laut den offiziellen Zahlen um rund zehn Prozent abgenommen. Und das deckt sich ziemlich genau mit den Vergleichszahlen in Deutschland.

Finanzierung der Zukunft unklar

In der Bundesrepublik Deutschland werden angesichts der Prognose bereits neue Finanzierungsmodelle debattiert und dabei auch ein Blick über die Grenzen geworfen. Vor allem drei Modelle werden diskutiert:

  • In Amerika setzt man etwa auf Spendenfinanzierung. „Der Aspekt der Freiwilligkeit ist sehr charmant“, erklärt der Münchner Kirchenjurist Stephan Haering im SPIEGEL. Doch der Benediktinerpater warnt: Es könnte eine Abhängigkeit von bestimmten Spendern entstehen, oder vermögende Gläubige könnten womöglich nur attraktive Dinge fördern, die sich auch gut vermarkten lassen.
  • Seit Monaten wirbt der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow für eine Kultursteuer für alle — statt einer Kirchensteuer nur für Kirchenmitglieder. Also eine komplette Finanzierung durch den Staat. Einen ähnlichen Vorschlag hat Bauernbund-Obmann Max Hiegelsberger bereits im Jahr 2012 gemacht, die Reaktionen waren eher skeptisch. Bis zu einem gewissen Grad werden aber bereits kirchliche Einrichtungen staatlich finanziert — etwa Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten.
  • Haering fordert aber eine Weiterentwicklung des bestehenden Beitragssystems als dominierende Komponente der Kirchenfinanzierung. „Mir ist wichtig, dass die Gläubigen die Kirche tragen“, sagt er trotz der Gefahr, dass diese Pflicht den ein oder anderen aus der Kirche treibt. Um Frust zu verhindern, möchte Haering, dass die Kirchenmitglieder mitbestimmen können, wofür ihr Geld ausgegeben wird. Für den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, müsse man auch die kirchlichen Haushalte mittel- und langfristig an die erwartete Entwicklung anpassen. „Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten. Für mich ist die Studie auch ein Aufruf zur Mission.“

Diözese Linz hat „einen sehr realistischen Blick“

Stellungnahmen zum Zukunftsweg werden eingearbeitet

Auch die Diözese Linz reagiert auf die gesellschaftlichen Veränderungen, bereits vor einiger Zeit hat man sich entschlossen, deswegen einen „Zukunftsweg“ zu suchen. Wie berichtet wurde Anfang des Jahres das Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt, bis Anfang Juli wurde es nun in den Gremien und Dekanaten diskutiert. Insgesamt 90 solcher Resonanztreffen habe es gegeben, schildert Pastoralamtsdirektorin Gabriele Eder-Cakl, sie leitet das Projekt.

Die bei den Treffen erarbeiteten Plakate, alle eingegangenen Stellungnahmen und Anregungen werden nun wissenschaftlich aufgearbeitet. Sehr positiv werde gesehen, dass man versuche, alle einzubinden, so Eder-Cakl.

Entscheidung trifft Bischof

Im Herbst werden sich dann die drei wichtigsten diözesanen Gremien — Pastoral-, Priesterrat und Dechantenkonferenz — noch einmal mit dem „Zukunftsweg“ beschäftigen. Die Letztentscheidung hat dann Bischof Manfred Scheuer, vermutlich um den Jahreswechsel.

Ein wesentlicher Teil des Projektes ist eine neue Struktur samt einem neuen Leitungskonzept — sehr vereinfacht gesagt sollen die jetzigen Pfarren zu Pfarr-Gemeinden und die jetzigen Dekanate zu Pfarren werden. Geleitet werden die Pfarr-Gemeinden von Seelsorgeteams, die rund 35 Pfarren werden von einem Pfarrvorstand geleitet, der aus dem Pfarrer als Gesamtleiter und zwei weiteren Vorständen besteht.

Der Grund für die neue Struktur sei, dass sich die Gesellschaft ändere und sich deshalb auch die Kirche ändern müsse: „Wir haben einen sehr realistischen Blick“ und das Ziel sei, auch in Zukunft Seelsorge gewährleisten zu können. Dabei gebe es zwei Stoßrichtungen: Einerseits müsse die Verankerung vor Ort unterstützt und die Gemeinschaften gestärkt werden. Und andererseits müsse Kirche dort Präsenz zeigen, wo die Menschen sind, etwa in Einkaufszentren oder bei Musikfestivals. Die neue Struktur würde die Flexibilität bringen, um diese beiden Pole erreichen zu können, glaubt Eder-Cakl.

Wie ist Ihre Meinung?