„Dramatischer Arbeitskräftemangel“

Oberösterreichs IV-Präsident Stefan Pierer: „Das ist das mit Abstand wichtigste Problem“

„Wenn hundert in Pension gehen, kommen nur 54 hinten nach. Das kann sich also schon rein rechnerisch nicht ausgehen. Da haben wir ein dramatisches Thema. Und das betrifft alle Bereiche – Verwaltung, Industrie, Service. Das geht quer durch“, spricht Stefan Pierer in drastischen Worten über den Arbeitskräftemangel.

Stefan Pierer ist seit Kurzem neuer Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ). Im Interview spricht der KTM-Besitzer über hohe Energiekosten, einen drohenden Gaslieferstopp sowie den Arbeitskräftemangel – gegen den es allerdings auch Mittel gäbe.

Stehen wir mitten im Auge eines Sturms, der über uns hinwegzieht, oder ist es doch nicht so dramatisch?

STEFAN PIERER: Es ist eine Kombination aus vielen Dingen, die es derzeit für die Industriebetriebe ungemein schwer macht. So etwas habe ich selber noch nicht miterlebt, obwohl ich schon ein paar Jahrzehnte in dem Bereich tätig bin. Was es besonders schwierig macht, sind die stark unterbrochenen Lieferketten. Das ist sicherlich ein Megathema, das uns bereits seit eineinhalb Jahren begleitet. Aber das ist noch immer nicht zu Ende. Das geht sicherlich noch ein halbes Jahr bis Jahr so weiter.

Welche Herausforderungen gilt es noch zu meistern?

Die hohen Energiekosten, die vor allem durch den Ukrainekrieg angeheizt wurden und speziell den energieintensiven Betrieben zu schaffen macht. Aber ein Thema beschäftigt uns dennoch am allermeisten.

Welches?

Der Arbeitskräftemangel. Wir haben schon eine dramatische Situation, aber die wird sich noch weiter zuspitzen. Denn die Babyboomer-Generation, der auch ich angehöre, geht jetzt allmählich in Pension, aber durch den demographischen Wandel fehlen dann die Arbeitskräfte.

Weil die nachfolgenden Jahrgänge nicht so geburtenstark waren.

Genau. Damit Sie ein Gefühl bekommen. Wenn hundert in Pension gehen, kommen nur 54 hinten nach. Das kann sich schon rein rechnerisch nicht ausgehen. Da haben wir ein dramatisches Thema. Und das betrifft alle Bereiche – Verwaltung, Industrie, Service. Das geht quer durch.

Da hätte die Industrie ja den Vorteil, dass sie den Ruf hat gute Verdienstmöglichkeiten zu bieten.

Das stimmt vielleicht grundsätzlich, aber wir haben wegen Corona eine Verschärfung der Situation. Denn nach der Ostöffnung der EU 2011, 2012 sind viele Arbeitnehmer aus den osteuropäischen Staaten zu uns gekommen, etwa aus Ungarn oder Rumänien. Seit Corona sind viele wieder dort und bleiben auch dort. Warum? Weil sie auch dort gute Jobangebote vorfinden – und die fehlen uns dann hier. Vor allem im Servicebereich und im Tourismus, aber auch im Leiharbeiterbereich. Die Industrie hat den strategischen Vorteil der eigenen Lehrlingsausbildung. Nur als kleines Beispiel: Wir haben alleine in meiner Konzerngruppe mehr als 300 Lehrlinge. Die haben alle eine Einstellungsgarantie bei positivem Lehrabschluss und als Unternehmen hat man nach drei Jahren perfekt ausgebildete Mitarbeiter, die auch bereit sind, in andere Länder zu gehen. Ohne die Lehrlingsausbildung hätten wir nicht die hohe Industriequote in Österreich.

Die Kampagnen zur Imagehebung der Lehre gibt es ja auch schon seit Langem.

Sicherlich. Karriere mit Lehre ist und bleibt daher für uns als IV ein wichtiges Thema.

Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels wird es mehr qualifizierte Zuwanderung brauchen. Wie soll das gelingen?

Ich setze da große Hoffnung in die neue Rot-Weiß-Rot-Karte. Die hat ja bis dato nicht funktioniert. Das war zu bürokratisch und aufwendig. Diese wird mit Oktober in Kraft treten und ist meines Erachtens geeignet, qualifizierte Zuwanderer nach Österreich zu holen. Die großen Industrieunternehmen haben ja mehrere Niederlassungen und tauschen so Mitarbeiter aus – etwa von Kanada und Indien nach Österreich und wieder retour. Das war bis dato so nicht möglich. Das wird dann funktionieren und daher habe ich berechtigte Hoffnung, dass das mit der Zuwanderung künftig besser funktionieren wird.

Harter Schnitt zum drohenden Gaslieferstopp. Dann spielt der Fachkräftemangel keine Rolle mehr.

Temporär nicht, aber das Thema ist ja dennoch nicht vom Tisch. Das Leben geht weiter, auch wenn wir kurzfristig ein Horrorszenario hätten. Es braucht jedenfalls eine stringente, offenere Kommunikation seitens der Politik, so wie aktuell in Deutschland.

Ihr Ausblick für die oberösterreichische Industrie für heuer?

Die Auftragslage ist sehr gut, die Bücher voll. Es geht primär darum, die Aufträge zeitgerecht abzuarbeiten. Und es stellt sich die Frage, wie es in einem Jahr aussehen wird. Das ist derzeit schwer einzuschätzen. Die hohen Energiekosten tun vielen Betrieben weh und die Logistikkosten haben sich vervielfacht; um den Faktor sechs, wenn wir von einem 40-Fuß-Container von Asien nach Europa reden. Das alles wird dazu führen, dass kontinentale Lieferketten ein Comeback feiern werden.

Mit IV-OÖ-Präsident STEFAN PIERER sprachen Oliver Koch und Christoph Steiner

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