Drei Sternstunden bei Lkw Steyr

100 Jahre existiert das Lkw-Werk in Steyr mittlerweile schon. Dass dem so ist, ist angesichts von mehreren Krisen in der Fabriksgeschichte nicht selbstverständlich. Rückblickend spricht man von drei Sternstunden, dank derer auch nach existenzbedrohenden Phasen die Produktion am Standort doch immer wieder weiter ging.

Wer in Steyr aufwächst, der kennt es: Tief verwurzelt ist das Lkw-Werk in der Historie der Stadt: Dort, wo mittlerweile auch schon Elektro-Trucks aus dem Werk rollen, begann die Geschichte bereits vor 100 Jahren. Es war der Oktober 1919, für den die erste behördliche Testfahrt eines Steyr Lkw zur Typisierung belegt ist. Dass gerade in Oberösterreich noch eine Lkw-Schmiede errichtet wird, war zu dieser Zeit allerdings keine Selbstverständlichkeit, berichtet der heutige Geschäftsführer Karl-Heinz Rauscher bei einem Besuch in der oö. Bezirkshauptstadt.

Denn als der Verwaltungsrat der österreichischen Waffenfabriksgesellschaft im Geschäftsjahr 1915/16 sich für den Bau einer Fabrik in Steyr entschloss, waren in Österreich bereits acht weitere doch namhafte Fahrzeughersteller angesiedelt, die auch nach dem Ersten Weltkrieg weiter existieren sollten. So etwa Austro-Daimler, Austro-Fiat oder die Puch-Werke in Graz. Dass sich die Eigentümer damals dazu entschieden, in den Standort zu investieren anstatt die Dividende herauszunehmen, bezeichnet Rauscher heute als eine der drei Sternstunden in der mittlerweile 100-jährigen Geschichte. Der erste Fahrzeugauftrag 1919 umfasste schließlich die Lieferung von 100 Lkw-Fahrgestellen an die österreichische Post.

Nach dem gelungenen Start sollten noch zwei weitere Sternstunden folgen, einhergehend allerdings immer mit Existenzängsten vor der erlösenden Weiterführung.

Zweite Sternstunde

Denn auch in den Jahren nach 1929 stand es Spitz auf Knopf. Nachdem die Produktion seit der Gründung über die Jahre immer mehr gesteigert wurde riss der Automobilabsatz in Folge der Weltwirtschaftskrise in der zweiten Hälfte des Jahres 1929 plötzlich ab. Neben dem Problem, dass man auf riesigen Beständen sitzen blieb, geriet auch der Mehrheitseigentümer und Hauptfinancier der Steyr-Werke, die Bodencreditanstalt, immer mehr unter Druck und musste schließlich Insolvenz anmelden. Die Bank wurde in der Folge von der Creditanstalt übernommen. Ob der Menge an bereits gefertigten und nicht verkauften Fahrzeugen musste die Produktion allerdings vorerst eingestellt werden. Die Bilanz des Jahres 1929 liest sich verheerend: Bei einem Aktienkapital von knapp mehr als 15 Millionen Schilling lag der Verlust bei über 24 Millionen Schilling. Tausende Menschen wurden durch den Produktionsstopp arbeitslos, Steyr zum Notstandsgebiet. Erst langsam wurde die Produktion wieder hochgefahren.

Doch durch die Fusion von Creditanstalt und Bodencreditanstalt hatte sich eine weitere Bedrohung aufgetan. Die Creditanstalt besaß bereits die Austro-Daimler Puch mit Werken in Wiener Neustadt und Graz.

Während die steirische Hauptstadt außer Frage stand, musste man sich für den weiteren künftigen Standort der Produktionsstätte zwischen Steyr und Wr. Neustadt entscheiden. Mit bekannt positivem Ausgang, der als zweite Sternstunde gilt. Aufgrund des moderneren Werks in Oberösterreich wurde die Produktion in Wr. Neustadt aufgegeben, es entstand die Steyr-Daimler-Puch AG.

Die Zusammenlegung forderte mit Ferdinand Porsche übrigens ein prominentes Opfer. Der damalige Steyrer Technikchef verließ das neue Unternehmen, da er mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Austro-Daimler, den er schon einmal 1923 verlassen hatte, auch in dieser Konstellation nicht mehr zusammenarbeiten wollte.

Waffenproduktion und Niedergang

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sowohl die Pkw-Produktion als auch jene von schwereren Lkw eingestellt, der Betrieb wurde als Waffenschmiede gebraucht. Nach Kriegsende begann man rasch wieder mit der Dieselmotorenentwicklung und der Lkw-Produktion. In der Folge wurden die Kapazitäten in den kommenden Jahrzehnten immer mehr hochgefahren und auch Joint Ventures – etwa eines der größten mit China bereits Anfang der 80er Jahre – in anderen Ländern gegründet. Doch die Lkw fanden gegen Ende der 1980er-Jahre zusehends keine Abnehmer mehr. Strategische Fehler wie das Außenvorlassens der europäischen Märkte hatten trotz qualitativer Produkte den Standort Steyr an den Abgrund geführt.

1989 sollte schließlich die Rettung kommen. Die deutsche MAN hatte sich damals bereits an die Entwicklung eines neuen Fahrerhauses gemacht, ehe man auf Steyr aufmerksam wurde, wo man bereits über eine fertig entwickelte Kabine verfügte. Im September wurde schließlich auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt der Deal offiziell gemacht, MAN baute in der Folge den Standort mit großen Investitionen zum Kompetenzzentrum für die leichten und mittleren Baureihen des Unternehmens aus. Als Sternstunde oder Glücksmoment wird hier vor allem der Zeitpunkt im September 1989 gesehen. Denn wenig später fiel die Berliner Mauer. Dass sich MAN damals dann eher im Osten um Partner umgesehen hätte als in Steyr darf angenommen werden.

Blick in die Zukunft

Seit 2016 wird der Standort komplett neu ausgerichtet. Neben einem neuen Fokus bei der Fahrerhausfertigung wurde das Portfolio durch die Errichtung einer Kunststoffteilelackieranlage, eines Truck Modification Centers sowie den Aufbau einer Sonderfahrzeugfertigung für Fahrzeuge der schweren Reihe erweitert. „50 Millionen Euro wurden investiert, heuer ging die Kunststoffteile-Lackierung in den Aufbau“, so Rauscher über den Status Quo. Auch die ersten E-Trucks rollten bereits aus dem Werk. Dass die E-Mobilität das einzige Antriebskonzept für die Zukunft sein wird, davon sind weder Steyr-Vorstand Rauscher noch Werkschef und Standortgeschäftsführer Dietmar Klein wirklich überzeugt, vor allem hinsichtlich des Fernverkehrs. Zuversichtlich sind sie jedoch für die Zukunft des Standortes, an dem aktuell je nach Wirtschaftslage rund 2500 Mitarbeiter beschäftigt sind, wie sie anlässlich des 100-jährigen Steyr- bzw. 30-jährigen MAN-Jubiläums betonten.

Zum Jubiläum wurde auch ein Buch mit zahlreichen Geschichten und Bildern herausgegeben. Das 318 Seiten starke Werk „100 Jahre Lkw aus Steyr“ von Karl-Heinz Rauscher und Franz Knogler ist im Weishaupt Verlag erschienen.

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