Ukraine – Kreml hält am 100. Kriegstag an seinen Zielen fest

Auch 100 Tage nach Russlands Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar tobt der Krieg in dem Land unvermindert weiter. Der Kreml kündigte am Freitag eine Fortsetzung seiner „militärischen Spezialoperation“ bis zum Erreichen aller Ziele an. Russlands Militär meldete weitere Angriffe und die Tötung von Hunderten ukrainischen Soldaten. Auch die ukrainische Führung zeigte sich siegessicher: „Der Sieg wird unser sein“, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag in einem Video.

„Vor genau 100 Tagen sind wir in einer neuen Realität aufgewacht“, sagte der Staatschef. Er beschrieb die Erfahrung des Krieges anhand neuer Wörter, die Ukrainerinnen und Ukrainer hätten lernen müssen. Dazu zählten schreckliche Wörter wie Raketentreffer, Ruinen, Deportation. Ortsnamen seien dazugekommen wie Hostomel, Butscha oder Mariupol, die Namen russischer, ukrainischer und ausländischer Waffensysteme. Aber es gebe auch positive Worte: Wiederaufbau, Rückkehr, Befreiung.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am 24. Februar den Angriff auf das Nachbarland befohlen. Die russische Armee habe damals den Ruf als zweitstärkste der Welt gehabt, sagte Selenskyj. „Was ist von ihr geblieben?“, fragte er: „Kriegsverbrechen, Schande und Hass.“ Die Ukraine aber habe bestanden, sie bestehe und werde bestehen.

Die Ukraine werde sich von den „russischen Barbaren“ befreien, sagte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko in einem Selfie-Video, das er am Freitag in seinem Telegram-Kanal veröffentlichte. „Ja, es wird schwierig. Aber ich glaube, dass jeder von uns diese Prüfungen mit Würde überstehen wird. Denn dies ist ein Krieg des Bösen und des Guten. Und Güte und Gerechtigkeit gewinnen immer noch.“ Russland führe einen „barbarischen Krieg zur Vernichtung der Ukraine und der Ukrainer“.

100 Tage Krieg seien voller blutiger Schlachten, Verluste und Todesfälle, so Klitschko. „Es ist aber auch eine Zeit des Mutes und der Ausdauer“, so der frühere Box-Weltmeister. „Wir stehen und kämpfen alle zusammen. Jeder an seinem Platz. Wir bewundern unsere Streitkräfte“, sagte er. Die Ukraine sei stärker und erfolgreicher geworden, sagte der 50-Jährige. „Deshalb werden wir gewinnen!“

Die Ukraine hat nach eigener Darstellung etwa ein Fünftel des an die russische Armee verlorenen Gebietes in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk zurückerobert. Dies erklärt der Chef der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, im Fernsehen, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Freitagabend berichtete. Die Angaben können von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.

Die Ukraine will indes nach Worten ihres Chefunterhändlers erst bei einer stärkeren Position im Krieg gegen Russland an den Verhandlungstisch zurückkehren. Für die Unterbrechung gebe es gute Gründe, solange in der Ostukraine schwere Gefechte stattfinden, sagte Dawyd Arachamija am Freitag im ukrainischen Fernsehen. „Die Verhandlungen sollen fortgesetzt werden, wenn unsere Verhandlungsposition gestärkt ist“, sagte der Fraktionsvorsitzende der Präsidentenpartei Diener des Volkes. Die Ukraine werde vor allem dadurch stärker, „dass die Waffen, die uns von internationalen Partnern ständig versprochen werden, endlich in ausreichender Menge eintreffen“.

Arachamija hatte die Kiewer Delegation in Gesprächen mit Russland in den ersten Wochen des seit 100 Tagen andauernden Krieges geführt. Der Kontakt versandete aber, als nach dem Abzug russischer Soldaten Gräueltaten in Kiewer Vororten wie Butscha bekannt wurden. Präsident Selenskyj will erst wieder verhandeln, wenn russische Truppen sich wenigstens auf die Grenzen von vor dem 24. Februar zurückziehen. Er will auch mit Kremlchef Wladimir Putin direkt sprechen, was Russland bisher ablehnt.

Der Kreml betonte am Freitag, er werde die von ihm so bezeichneten „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine bis zum Erreichen aller Ziele fortsetzen. Es seien bereits einige Ergebnisse erzielt worden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Als ein Ziel gilt die komplette Kontrolle über die ukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk. Nach Einschätzung britischer Geheimdienste kontrolliert Russland mittlerweile mehr als 90 Prozent der Luhansk-Region. Es sei wahrscheinlich, dass Moskau dort in den kommenden zwei Wochen vollständig die Kontrolle übernehme, hieß es in einem Update des britischen Verteidigungsministeriums.

27 EU-Staaten beschlossen unterdessen das sechste Sanktionspaket gegen Russland, das unter anderem ein weitgehendes Öl-Embargo vorsieht. Durch die am Freitag in Kraft getretenen Sanktionen wird unter anderem die größte russische Bank, die Sberbank, aus dem Finanzkommunikationsnetzwerk Swift ausgeschlossen und es werden mehrere russische Nachrichtensender in der EU verboten. Der wirtschaftlich besonders relevante Boykott gegen Öllieferungen aus Russland zielt darauf ab, im kommenden Jahr auf dem Seeweg kein Öl mehr in die EU zu lassen. Ungarn setzte durch, dass auf Sanktionen gegen das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt Patriarch Kyrill verzichtet wird.

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