Edler Ritter zwischen den Zeiten

Begeistert aufgenommener „Don Quichotte“ bei den Bregenzer Festspielen

Gabor Bretz als Superheld Don Quichotte
Gabor Bretz als Superheld Don Quichotte © APA/D. Stiplovsek

Von Georgina Szeless

Die traditionelle Hausoper am Bodensee hat jeweils eine Rarität am Programm. Diesmal ist es die Oper „Don Quichotte“ des Franzosen Jule Massenet (1842-1912) über den bekannten Ritter der Weltliteratur nach dem Roman von Miguel de Cervantes. Allerdings geht die Oper mehr auf das Stück von Lorrain aus 1906 zurück.

Massenet war als „Komponist von Frauenmusik“ etikettiert und behandelt einen männlichen „Helden“ als Schwächling, Träumer, Weltverbesserer, Menschenfreund, für Dulcinée gar ein „Verrückter, aber erhabener“.

Von ungeheurer Ausstrahlung & wunderbar musikalisch begleitet

Marianne Clément setzt bei ihrer Inszenierung in den Bühnenbildnern von Julia Hansen auf die Gegensätze von Traum und Realität und lässt im Vorspann Don Quichotte seine eigenen Abenteuer als Zuschauer verfolgen. Erst danach folgen packende Erzählungen, eposidenhaft aneinandergereiht, in fünf Akten von ungeheuer starker Ausstrahlung: Don Quichotte mit Sancho Pansa im Badezimmer, im Kampf mit den Windmühlen, die Ventilatoren in Gang setzen. Auf der Straße von Banditen, die den Superhelden im Spiderman-Kostüm als blutbeschmierten Jesus stigmatisieren, ihm die gestohlene Kette wiedergeben und vor ihm niederknien (Anklänge an Massenets religiöse Werte). Im Büro, wo Dulcinée seinen Heiratsantrag zurückweist. Und in der Finalszene, sterbend vor dem vereisten Lebensbaum, mit dem Versprechen auf den Lippen, Sancho Pansa auf eine „blühende Insel der Fantasie“ zu führen.

Eine wertvolle Begleitung ist die farbige Musik, mit der Massenet dem Wechselspiel von Fantasie und Wirklichkeit nachspürt. Unterschiedliche dramatische Situationen haben ihren eigenen musikalischen Stil. Mit Kastagnetten und prägnanten Rhythmen illustriert er das spanische Dorfleben im ersten Akt. Raffiniert instrumentiert, spanisches Kolorit, duftig-zarte Klänge, klare Konturen, madrigalartige Töne (Gitarre- und Orgelbegleitung) erzeugen sowohl die Wiener Symphoniker unter Daniel Cohen als auch die Sänger. Unter diesen ragen hervor: Gábor Bretz, ein prachtvoller Bassbariton, glänzt als Don Quichotte. Als ergebener Freund von Don Quichotte Sancho Pansa reüssiert David Stout, als Dulcinée Anna Goryachova mit prachtvoller Sopranstimme, die den Wandel von einer koketten Freifrau zu einer menschlich-ergreifenden Figur überzeugend gestaltet. Grundsolide singt wieder der für Bregenz abonnierte Prager Philharmonische Chor unter Luká Vasilek.

„Komm, wir reiten wieder weiter“, ermutigt Sancho Pansa seinen Herrn, „den Großen“. Das wünschte sich auch das Publikum im Festspielhaus für ein viel zu wenig bekanntes Werk, für dessen Bekanntschaft Bregenz mit ausgiebigem Applaus belohnt wurde.

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