Eferding: Wie an einem Ort die Identitäten sprießen

1. communale oö in Eferding – Eröffnung am Freitag, bis 15. 11. – Ausstellungen, Gespräche, Performances

Katharina Senk und Almut Wregg hinterfragen am 29. Juli in der Performance „super(human)“ den Wahn des „perfekten“ Körpers
Katharina Senk und Almut Wregg hinterfragen am 29. Juli in der Performance „super(human)“ den Wahn des „perfekten“ Körpers © Max Biskup

„Wenn mich jemand aus Wien fragt, wo ich herkomme, sage ich zuerst Aschach. Wenn man das nicht kennt, sage ich Eferding. Wenn man das auch nicht kennt, sage ich EFKO.“

2016 wurden Eferding und Grieskirchen zu einer sogenannten Verwaltungsgemeinschaft zusammengelegt. Empörte Stimmen damals: Identität in Gefahr! Was ist „Identität“? Ein vertracktes und leider auch vergiftetes Wort, dessentwegen sich Menschen weltweit die Schädeln einschlagen. „Die Oma war leidenschaftliche Köchin und hat den Strudel für die ganze Straße gemacht.“

Für Alfred Weidinger, Direktor der OÖ Landes-Kultur GmbH, war die Empörungswelle anlässlich der Eferding-/Grieskirchner Verwaltungsverschmelzung Anlass zum Nachdenken. Denn seltsam, kaum jemand hatte 2016 darüber gesprochen, was denn genau mit dieser Identität gemeint sei. Weidinger und sein Team waren mit dem Konzept für die communale oö. betraut, einem neuen Kulturformat des Landes. Sie gebaren die simple, schlaue Idee: Fragen wir die Leute! „Identität ist das, was wir als Afghanen im Iran nicht hatten.“

Diese erste communale findet nun in Eferding statt, am Freitag war feierliche Eröffnung, das Festival läuft bis 15. November. Die zitierten Sätze finden sich im Eingangsbereich des Schlosses Starhemberg, im Stadtzentrum von Eferding gelegen. Bis Ende Oktober werden die Interviewer weiterhin Menschen aus Eferding und Gemeinden aus dem Umfeld befragen, den Resultaten entsprechend soll das Festival „fünf bis sechs Mal“ sanft verändert werden, wie Weidinger dem VOLKSBLATT sagt. „Freundschaften haben begonnen, wir bekommen viel Vertrauen, bekommen viele Geschichten geschenkt.“ Als Verantwortlicher für die Museen des Landes weiß Weidinger: „Wir haben eine große Objektsammlung, aber oft fehlt das Narrativ. Was könnte, zum Beispiel, eine Truhe erzählen?“

Menschenbilder

Geschichten erzählt diese auf den ersten Blick sehr schön gestaltete, sehr publikumsfreundliche communale zuhauf. Im 2. Stock des Schlosses findet sich etwa die Ahnengalerie (wurden die alten Adeligen damals von den Dienern raufgetragen? – Man kann und soll alles fragen). Was erzählen die Porträts? Die Herren posieren gerne edel und stark, die Damen, damals minder abbildungswürdig, porzellanhäutig und ebenfalls bemüht um würdiges Aussehen.

In der Ahnengalerie sitzen auch Experten für alte Fotografien an Computern. Jeder kann hier Fotos seiner Ahnen vorbeibringen. Wie posierten Menschen in früherer Zeit (oft ließen sie sich ein einziges Mal im Leben ablichten!). Wie lebten, wie arbeiteten sie? Noch weiter zurück in die Geschichte reicht die Ausstellung im Erdgeschoss. Markantes Datum das Jahr 1626, Eferding ein Zentrum der Bauernaufstände. Während der später genannte Dreißigjährige Krieg wütete (1618-1648), erzwangen die österreichischen Herrscher brutalst die Rekatholisierung. Religion oft nur Vorwand, Politik und Wirtschaft zentrale Antriebe. Originale Waffen lassen etwas von den Blutbädern erahnen. Boshafte Spitzen, die Fleisch wie Butter durchdringen. Die derbere Variante, die Fleisch aus dem Körper reißt. Der (verdeckte) Widerstand hielt sich gerade auf dem Land über Jahrhunderte, die katholischen Herren hielten auch mit aufgemotzten Festivitäten wie dem Fronleichnamsfest dagegen: Wir haben den wahren Glauben!

Körperbilder

Die communale wurde am Freitag feierlich eröffnet, Landeshauptmann Thomas Stelzer bestätigte den Weg der Organisatoren. Diese haben fernab von idyllischer Nabelschau einen modernen Zugang gewählt, der Historie, Tradition und zeitgenössisches Kunstschaffen vereint. Stelzer: „Freie Entfaltung für Kunst und Kultur – das ist unser Ziel in Oberösterreich. Die neue communale zeigt, dass wir offen, flexibel und mit interdisziplinären Zugängen neue Wege gehen.“

Die Communale zeigt, die communale hinterfragt. Sie wandert auch in den öffentlichen Raum, bespielt Leerstände. Der Strang „communale sphäre“, kuratiert von Julia Ransmayr, verbindet Künste, Alltagsräume und Menschen. Was ist Kunst-, was ist Alltagsraum? Performances lassen Grenzen verschwimmen, am 29., 30. und 31. Juli hinterfragt etwa die Performance „super(human) comunale version“ – eine Kooperation mit dem Institut Hartheim – im Bräuhaus „perfekte“ Körper: weiß, binär, nicht-behindert, verformt durch Ideen von patriarchal und kapitalistisch geprägten Gesellschaften.

Junge Fotografen und Fotografinnen setzen ihre Welt in Szene (Veranstaltungen ab 4. September), die interaktive Installation „Ein Bettchen von Trost“ bietet im Leerstand (ehemalig Schlecker) Trosttexte und Workshops an, die Themen Trauer und Verlust im Fokus. Das Projekt „Alors, Aloys!“ zeigt Kunst im öffentlichen Raum, Evalie Wagner nähert sich dem viel zu unbekannten Maler Aloys Zöttl (1803-1887), dessen Tierbuch André Breton als das prächtigste bezeichnet hat, das die Welt je gesehen habe. Der Soundmacher Fadi Dorninger spinnt Kompositionen von Anton Bruckner fort, ebenfalls beschallt wird mit Stimmen von Interviewten. Ein „Schmusechor“ in der Spitalskirche, die Künstlerin Brabara Ungepflegt befragt Passanten, Rapper Scheibsta erzählt täglich Eferding auf FM4.

Pralles Programm, ein erster Überblick auf communale.at

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