„Ehrenvolle Aufgabe“: „Corona-Beauftragter“ im Burgtheater

Karl Heindl ist stolz auf seinen Beruf und auf seinen Arbeitgeber. Auf seiner Visitenkarte steht „Leitung Publikumsdienst & Sicherheit / Audience Services & Safety Supervisor“. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Im Burgtheater ist er für die Sicherheit von rund 30 Berufsgruppen zuständig sowie dafür, dass das Publikum bestmöglich betreut wird. Bei Führungen hat er viel zu erzählen. Er kennt das Haus wie seine Westentasche. Das Jahr 2020 war auch für ihn ein Ausnahmejahr.

Heindl hat viel Erfahrung. Schon ab 1986 war er als „Arbeitsinspektor“ im Haus, nach einem mehrjährigen Tokio-Aufenthalt war er zunächst im Bundestheaterverband tätig, ehe er vom damaligen kaufmännischen Direktor Thomas Drozda als Sicherheitsbeauftragter und Leiter des Publikumsdienstes ans Burgtheater geholt wurde. Sicherheit bedeutete stets nicht nur Unfall- und Brandverhütung. „Wir haben uns schon früher mit der Frage des Umgangs mit ansteckenden Krankheiten beschäftigt. Dabei hat man aber eher an Tuberkulose oder Ähnliches gedacht und an die Möglichkeit, den Betroffenen sofort abzuschirmen und ins Arztzimmer zu transportieren“, erzählt er im Gespräch mit der APA. „Auch Mund-Nasen-Schutz und FFP2-Masken waren uns, etwa von Staubarbeiten, vertraut.“ Etwas wie die Corona-Pandemie hatte man als Krisenszenario nicht auf Lager.

Als es darum ging, ein Corona-Präventionskonzept für das Burgtheater zu erarbeiten, war Karl Heindl erste Wahl. „Corona-Beauftragter zu sein ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe.“ Dabei war vieles nicht nur Neuland, sondern vor allem sehr zeitintensiv: „Das Corona-Sicherheitskonzept zu schreiben war sehr viel Arbeit.“ Drei Wochen habe er daran geschrieben, erzählt er, in der Zeit des ersten Lockdowns. Den 10. März, den Tag des kompletten Runterfahrens des Betriebs, wird er nie vergessen: „Das war ein großer Schrecken. So eine Situation gab‚s noch nie. So etwas war für uns alle neu.“ Als er den Anruf bekam, dass bereits am selben Abend die Vorstellungen abgesagt würden, habe er schweren Herzens sein Team im Publikumsdienst informieren müssen: „Unsere Billeteurinnen und Billeteure kommen ja alle gerne her. Diesmal musste ich ihnen sagen: Bleibt zu Hause! Wir fahren den Betrieb herunter!“ Sukzessive wurde das Haus in einen späten Winterschlaf geschickt, die Heizung gedrosselt, Wasserstränge abgedreht. „Den entsprechenden Aktenvermerk habe ich selbst geschrieben. Am 16. März war ich einer der Letzten, die das Haus verlassen haben. Ab dann war alles zugesperrt, nur ein Löschmeister war noch anwesend. Niemand wusste: Wann sieht man einander wieder? Es war sehr bedrückend.“

Erst am 27. April war Karl Heindl erstmals wieder im Haus. Mit einem fertigen Anti-Corona-Konzept. „Das wurde im Wesentlichen 1:1 umgesetzt. Ich hatte das Gefühl: Das Haus vertraut mir. Das hat mich zum zweiten Mal gefreut. Im Mai haben wir dann mit den ersten PCR-Tests angefangen.“ Regelmäßige Testungen, das Auseinanderziehen der Publikumsströme, Umbauten für den nötigen Abstand waren die Eckpfeiler des Konzepts. „Das Haus hat da wirklich viel investiert.“ Heute, im zweiten Lockdown, können wenigstens die Proben stattfinden. Heindl organisiert zusammen mit dem Künstlerischen Betriebsbüro dafür regelmäßige Teststraßen in Burg- und Akademietheater sowie in den Probebühnen am Arsenal. „Zuletzt hatten wir rund 550 Schnelltests sowie an die 40 PCR-Tests pro Woche.“

So zufrieden Heindl mit seinem funktionierenden Präventionskonzept ist, so unmissverständlich zeigt er aber auch: Ein Theaterbetrieb ist auf Dauer nur mit Publikum vorstellbar. „Man hat ja nach dem Sommer gesehen, wie groß der Hunger nach geistiger Nahrung war“, erinnert er an die wenigen Wochen Spielbetrieb zu Beginn der Saison. In über 2.000 Führungen hat er bisher seine Begeisterung für das Metier und seine profunde Kenntnis von Haus und Betrieb an das Publikum weitergegeben, in unzähligen Abenddiensten selbst den reibungslosen Ablauf überwacht. Daher war er auch am Abend des 2. November im Haus, als die letzte Vorstellung vor dem zweiten Lockdown gespielt wurde. Es wurde ein weiterer negativer Höhepunkt in diesem Annus Horribilis.

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Es war der Abend des Terroranschlags, und während der Vorstellung wurde die Direktion von der Polizei informiert, dass es zu gefährlich sei, das Publikum nach der Vorstellung nach Hause gehen zu lassen. Heindl musste per Funk die Billeteure davon informieren, dass die Türen zu versperren seien. Niemand dürfe mehr ins Haus gelassen werden. „Das hat‘s noch nie gegeben. Also hab ich meinen Anweisungen den Satz vorausgeschickt: Zuhören, nicht nachfragen, sondern machen!“ Direktor Martin Kusej habe das Publikum unmittelbar nach der Vorstellung über die Situation informiert, Publikumsdienst und Buffetmitarbeiter hätten Wasser verteilt, auf einer Feststiege sei eine Raucherzone eingerichtet worden, erinnert sich Heindl an den Ausnahmezustand, bis in den frühen Morgenstunden die Polizei die Besucher zur nächsten U-Bahn-Station eskortierte: „Alles war ruhig, gelassen und verständnisvoll. Ich glaube, die Leute fühlten sich gut betreut und waren gern bei uns.“ Jetzt müssen sie bloß noch wiederkommen dürfen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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