Ein Bäckergeselle auf der Walz

Backaldrin-Chef Peter Augendopler legt 200 Jahre altes Buch neu auf

Herausgeber Peter Augendopler
Herausgeber Peter Augendopler © Cityfoto/backaldrin

Auf seiner Suche nach allem, was historisch mit Brot zu tun hat, begibt sich Backaldrin-Eigentümer Peter Augendopler regelmäßig ins Netz: „Samstag ist Surftag und das kann schon einmal heißen, dass ich von Mittag bis Mitternacht vor dem Bildschirm sitze“, sagt er im VOLKSBLATT-Gespräch.

Bei einer dieser „Recherchereisen“ hat der Kornspitz-Erfinder, der weltweit als bedeutender Sammler gilt, vor einem Jahr ein handgeschriebenes Buch entdeckt und es „ungeschaut“ haben müssen, sprich er hat es ersteigert: Und die „Erinnerungen eines Bäckers an seine Wanderjahre 1810-1813“ haben sich als so interessant, wertvoll und lesenswert entpuppt, dass der Sammler sie nun als reich bebildertes Buch herausgebracht hat.

Vom Leben der einfachen Menschen

„Alles, was wir lernen, ist eine Geschichte der Macht“, sagt Augendopler. „Und das Besondere an diesem Buch, dass man durch den Bäckergesellen viel vom Leben der einfachen Menschen in dieser Zeit erfährt.“ Carl Adolf Höhne hieß der, geboren 1790, und er wanderte — wie damals üblich –, während Europa von den napoleonischen Kriegen gebeutelt wurde, von Ort zu Ort, um bei Bäckern zu lernen und arbeiten.

350 Kilometer legte der Geselle — die meiste Zeit allein — zurück, machte Station u. a. in Chemnitz, Pirna und Jena, aber auch in kleinen Dörfern. Überall stand er mehrere Monate im Dienst eines Bäckers. Dafür musste er sich am jeweiligen Ort offiziell melden, der Bäcker ihm am Ende eine Bestätigung über geleistete Dienste ausstellen.

Unterkunft fand er beim Meister oder in Bäckerherbergen. „Die Wanderschaft galt damals als Teil der Ausbildung, denn die Gesellen lernten natürlich viel bei wechselnden Lehrherren“, erzählt Augendopler. „Andererseits trugen sie durch ihre verschiedenen Anstellungen auch Wissen weiter.“

Auf seiner Wanderschaft hat Höhne sich ausführlich Notizen zu dem gemacht, was er so erlebt hat. Niedergeschrieben hat er das dann aber erst im Alter von gut 60 Jahren. Der Bäckergeselle war nicht nur belesen und schreibfreudig, er war auch ein guter Zeichner und hat viele Erlebnisse in 160 bunten Aquarellen festgehalten.

„Ein unglaublich talentierte Bursche mit einer guten Beobachtungsgabe“, zeigt sich Augendopler begeistert. So erzählt Höhne — zum Teil in Reimen — in seinen Erinnerungen etwa, wie er einer Magd einen Streich spielen wollte: Die zog ihm jeden Tag die Bettdecke weg, um ihn zu wecken. Einmal legte er sich auf die Lauer, um sie zu erschrecken. Als er sich auf sie stürzte, entpuppte sich die schlafende Person nicht als Magd, sondern als der Bäcker selbst…

Seine Wäsche musste der Geselle selbst in Flüssen waschen und es kam nicht selten vor, dass er sie noch nass wieder anziehen musste, weil keine Zeit zum Trocknen blieb und auch nicht genug Kleider vorhanden waren. Und auch von allerlei Vergnügungen erfährt man, etwa von einem Trinkgelage, nach dem der Bäckergeselle im Gefängnis landete und am nächsten Tag von seinem Bäckermeister herausgeholt werden musste. Damals war es auch üblich, dass Hausfrauen mangels Ofens Kuchen zum Backen in die Bäckerei brachten. Unterschiedlichste Einblicke also in das Leben in früheren Zeiten.

Augendopler hat das Buch mit viel Aufwand genau so gestalten lassen wie das Original. Der Text wurde transkribiert, über den Bildern ist die Originalhandschrift des Bäckergesellen zu lesen. Ergänzt wurde lediglich eine Karte, die dessen „Wanderweg“ zeigt, ein Teil des Stammbaumes des Autors und ein Glossar mit interessanten Begriffen aus der Zeit. Eine Expertin für alte Schriften hat die Übertitel mit einem Federkiel gestaltet.

Das Buch soll übrigens das vierte von Höhne sein, eine Notiz weist darauf hin. Von den anderen drei Bänden ist nicht bekannt, wo sie sich befinden. Vielleicht eine der nächsten Herausforderungen, denen sich der Sammler Augendopler stellt …

Von Melanie Wagenhofer

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