Ein ewiger Choral in Variationen

„Dies irae“-Konzert mit illustren Gästen und dem Bruckner Orchester im vollen Brucknerhaus

„Wunderpianist“ Kit Armstrong
„Wunderpianist“ Kit Armstrong © R. Winkler

Von Georgina Szeless

Am Anfang stand ein Nachruf mit Schweigeminute für den verstorbenen Komponisten Balduin Sulzer vom Intendanten Dietmar Kerschbaum. Kit Armstrong würdigte den, dem Brucknerhaus eng Verbundenen mit dessen „Drei Choralminiaturen für Orgel“. So stellte sich der 27-jährige „Wunderpianist“ aus den USA und seit 15 Jahren weltbekannt, mit seinem Debüt in Linz ein. Betitelt mit dem gregorianischen Hymnus „Dies irae“, aus verschiedenen Blickwinkeln von berühmten Meistern behandelt, begann der Abend mit Gustav Mahlers Sinfonischer Dichtung für großes Orchester c-Moll „Todtenfeier“ 1888, eine Frühfassung des 1. Satzes seiner „Zweiten“, der „Auferstehungssinfonie“.

Der dramatische Gestus der Komposition lebt in den aufbrausenden Celli, den vehementen Pauken- und Beckenschlägen, und das bestdisponierte Bruckner Orchester hatte dabei seinen Mahler-Klang im Ohr und auch im Herzen. Mit solchem Gefühl dirigierte auch der Franzose Jérémie Rohrer, ebenfalls eine Neuerscheinung am Pult unseres Klangkörpers und erwies sich auch im übrigen Programm als ein primär werkdienender Stabführer. So überzeugte auch Franz Liszts „Totentanz“ in seiner scharfen Zeichnung der Choralmelodie, eine Paraphrase über „Dies irae“ für Pianoforte und Orchester, und entbrannte unter den Fingern des Stargastes Armstrong. Was er aus den Tasten, die er nach allen Klängen der Dynamik bearbeitet, hervorzaubert, ob in unvorstellbaren virtuosen Laufrhythmen oder verträumt, grübelnd über einen mystischen Anschlag und einer arithmetisch ausgetüftelten Phrasierung, kann nur als eine Sensation bezeichnet werden.

Bernd Richard Deutsch lieferte als österreichische Erstaufführung einen zeitgenössischen Beitrag zu dem Thema: ein „Dies irae“ nach der Studie des britischen Malers Francis Bacon über ein Van Gogh-Porträt für die ungewöhnliche Besetzung eines Violenseptetts in faszinierende Klangspielereien gesetzt, in denen Tempi und Rhythmus wichtige Akzente setzen. Eine mehr schwebende Musik, die aber dem aus Mödling stammenden Komponisten auch eine markante Handschrift attestiert.

Noch einmal schlug die Stunde eines doppelten Geniebeweises für Armstrong, und zwar am Schluss in der als „Orgelsinfonie“ bezeichneten Sinfonie Nr. 3 c-Moll von Camille Saint-Saens, in der auch das Klavier zum Einsatz kommt. Freilich war es nicht nur sein Verdienst, dass das aus der Sinfonik herausragende, Franz Liszt gewidmete Werk mit seiner spätromantischen Klangsprache den Interpretationsgeist der Musiker zum Blühen brachte. Ein spontaner Bravoschrei aus dem Publikum mündete in einem Applausorkan.

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