Ein harter Trip zwischen Realitäten, Wahn und Wunsch

Der oberösterreichische Filmemacher Gregor Schmidinger (34) gibt mit „Nevrland“, einer Reise durch Zeichen und Symbole, sein Spielfilmdebüt

Simon Frühwirth spielt den 17-jährigen Jakob.
Simon Frühwirth spielt den 17-jährigen Jakob. © Filmladen

Es wäre zu schön. Als Jakob sich das erste Mal verliebt, ist es in einen bildschönen Mann, der nicht nur aufregend und einfühlsam ist, sondern auch verflucht sexy. Kristjan kreuzt den Weg des 17-jährigen Jakob, als für den das Leben alles andere als gut läuft. Er arbeitet in einem Schlachtbetrieb, die Beziehung zu seinem Vater ist wortlos, im Alltag vergraben. Sein Großvater, um den Jakob sich kümmert, stirbt just in jener Nacht, in der er sich mit dem 26-jährigen Kristjan in einem Club treffen will und immer wieder überkommen ihn Angstattacken und Panik.

Wenn es eine Seele gibt, dann sei Kunst eventuell das, worin sie sich zeigt, mutmaßt Kristijan und spricht damit vielleicht mit der Stimme des jungen oberösterreichischen Regisseurs Gregor Schmidinger, der mit „Nevrland“ sein Spielfilmdebüt gibt.

Das Unbewusste manifestiert sich in starken, den Betrachter in den Bann ziehenden Bildern und bringt Jakobs Innerstes ans Licht. Dessen Erwachen wird zum ultimativen Trip, der um seine Ängste kreist, die Realitäten hinter dem Wahn verschwinden lässt. Was erlebt Jakob, wem begegnet er, was ist Fantasie und Wunsch?

Es ist — vor allem gegen Ende hin — fast ein Übermaß an Symbolen und Zeichen in hartem Technobeat und blitzendem Licht, das über Jakob und die Zuschauer einbricht.

Er bleibt ganz bei seiner Hauptfigur und im Jetzt

Doch Gregor Schmidinger erzählt nichts aus, nicht die Geschichte der verschwundenen Mutter, nicht die fehlenden Bindungen, die permanent greifbare Angst — alles Fragmente. Der 34-jährige Filmemacher bleibt ganz bei seiner Hauptfigur und im Jetzt.

Dass das so gut funktioniert, verdankt Schmidinger auch seinem Hauptdarsteller Simon Frühwirth, der für seine Rolle bei der Diagonale und mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde. Die Ernsthaftigkeit, mit der er sich Jakobs Leben genügsam hingibt, ist ebenso beeindruckend wie die Intensität des ekstatischen Schlussaktes. Schauspieler und Model Paul Forman gibt Kristjan, Jakobs Vater spielt verschlossen-überzeugend Josef Hader, den Psychotherapeuten Markus Schleinzer.

Beim Festival „Der neue Heimatfilm“in Freistadt wurde „Nevrland“ mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet.


„Angstattacken sind am stärksten autobiografisch“ – Interview mit Regisseur Georg Schmidinger

Bei Schriftstellern heißt es, der erste Roman sei per se autobiografisch. Wie ist es beim Regisseur?

GREGOR SCHMIDINGER: „Nevrland“ ist thematisch autobiografisch, nicht aber aus der Perspektive der Narration. Was passiert, ist nicht meine Lebensgeschichte, aber es gibt viele Elemente, die sich in meiner Jugend wiederfinden: Die Familienkonstellation oder der Umstand, dass auch mein Vater Fleischhauer war. Das Thema Tod und Krankheit war für mich immer allgegenwärtig. Und sicherlich die Angstattacken, die wahrscheinlich am stärksten autobiografisch grundiert sind.

Das Projekt ist lange in Ihnen gereift?

Der konkrete Prozess dauerte sechs Jahre, wovon vier auf die Entwicklung des Drehbuchs entfallen sind. Im Prinzip habe ich gleich nach meinem letzten Kurzfilm „Homophobia“ damit begonnen. Mein künstlerischer Mentor Markus Schleinzer hat damals zu mir gesagt, dass es nun vielleicht Zeit für den ersten Spielfilm wird …

Obwohl „Nevrland“ optisch so markant ist, denken Sie ein Projekt nicht aus den Bildern heraus?

Nein, sondern aus der Konstellation der Figuren. Die Traumbilder im Film haben sich dann erst nach und nach im Schreibprozess eingeschlichen.

Ein Balanceakt war wohl die Arbeit mit einem Debütanten wie Simon Frühwirth und Routiniers wie Hader, Schleinzer?

Simon hatte noch nicht einmal Schultheatererfahrungen! Bei ihm habe ich mir selbst auferlegt, dass ich für ihn einen geschützten Rahmen schaffe, in dem er Dinge ausprobieren kann. Bei Josef Hader oder Markus Schleinzer war ich hingegen sicher nervöser in der Hinsicht, was ich denen nun sagen darf. Es war dann letztlich aber kein Problem.

Interview: Martin Fichter-Wöß

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