Ein jüdisches Überleben

Biografie über Harry Merl, den „Vater der Familientherapie“

Harry Merl und seine Eltern während des Krieges
Harry Merl und seine Eltern während des Krieges © Johannes Neuhauser

Von Christian Pichler

„Jestesmy Zydami!“, rief zwei Mal die Mutter, die ein paar Brocken Polnisch konnte. „Wir sind Juden!“ Ein Rotarmist hatte die verbarrikadierte Tür zum Kohlenkeller aufgebrochen, wo sich die Familie Merl in den letzten Monaten versteckt hielt. Am 6. April 1945 endeten für sie sieben Jahre Verfolgung und drohende Vernichtung.

Harry Merl, der 1934 geborene Sohn, erinnert sich. Bis zuletzt hatten fanatische SS-Männer in Wien Häuser nach Juden durchsucht, Leichen der Ermordeten auf den Straßen. Merl sah: „Ganz oben auf dem Leichenberg lag eine ältere Frau, die noch ein angebissenes Marmeladebrot in ihrer Hand hielt. Dieses Bild will mir bis heute nicht aus dem Kopf gehen.“

Johannes Neuhauser gelingt Überzeugendes

Die szenische Lesung „Harry Merl — Eine Lebensgeschichte“ wurde 2018 zum überragenden Erfolg in der Tribüne Linz, beim verdienstvollen Verlag „Bibliothek der Provinz“ ist diese Biografie nun auch in Buchform erschienen: „Harry Merl. Vater der Familientherapie“. Denn Merl wollte Menschen helfen, so wie der Arzt im Kinderbuch „Dr. Doolittle“ Tieren half. Ab 1968 arbeitete Merl in der Linzer Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, entwickelte in den folgenden Jahren die systemische Familientherapie.

Dem Linzer Therapeuten Johannes Neuhauser, der den „Harry Merl“ bereits auf die Bühne gehievt hatte, gelingt auch als Buchautor Überzeugendes. Die Biografie nüchtern und unsentimental, dennoch sogar „spannend“ zu lesen, mit reichlich Bildmaterial bestückt. Merls Eltern überlebten die Kriegsjahre, weil sie leerstehende Wohnungen von Juden auszuräumen hatten. Eine endlose Qual, nur diese eine Freude, Harry bekam so den „Dr. Doolittle“ zu lesen. Nach dem Krieg die Eltern traumatisiert, der Sohn suchte vergeblich das Gespräch mit ihnen, eine Wand: „Totschweigen, verdrängen, ja nicht auffallen!“ Ein lebenslanger Konflikt, äußerst schmerzhaft für beide Seiten.

In Texten und Bildern eine Erinnerung an die dunkelste Zeit. Harrys große Kinderliebe Eva, die in Auschwitz ermordet wurde. Später Merls Lebensglück mit seiner Frau Christl und großer Familie, sein Zögern, durch Autor Neuhauser die Lebensgeschichte bekannt zu machen. Merls erste Reaktion war die tief sitzende „jüdische Angst“, als öffentliche Person attackiert zu werden. Dass er am Ende zugesagt hat, freute ihn auch selbst. Der zehnjährigen Hannah, die ihn im Stück als Bub spielt, sagte ein glücklicher Merl nach der Uraufführung: „Du bist mein bestes Ich.“

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