Ein Klassik-Superstar wäre 100

Komponist, Dirigent, Pianist und Lehrer Leonard Bernstein führte ein Leben für die Musik

Leonard Bernstein entstaubte die Klassik und machte sie jungen Menschen zugänglich.
Leonard Bernstein entstaubte die Klassik und machte sie jungen Menschen zugänglich. © AFP/J. Skarzynski

„Er wäre wohl wie vom Schlag getroffen und er würde das auch ansprechen, Konzerte geben und Bewegungen unterstützen, die diese Regierung nicht schätzen. Und er würde sich wie früher wieder gegen Waffengewalt wenden“, sagte Jamie Bernstein dem VOLKSBLATT im Juni auf die Frage, wie ihr Vater, Leonard Bernstein, die heutigen USA unter Präsident Donald Trump betrachten würde. Am Samstag hätte Leonard Bernstein seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Mit der Ode „an die Freiheit“in Ost-Berlin

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Leonard Bernstein, am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts, geboren, folgte 1989 vielleicht einer spontanen Eingebung, als er sich dazu entschied, bei einem Konzert in Berlin in den berühmten Finalsatz von Beethovens Neunter Symphonie einzugreifen. Der Dirigent dichtete angesichts des Falls der Berliner Mauer den Text von Friedrich Schillers Ode „An die Freude“ kurzerhand um. Ode „an die Freiheit“ sang der Chor im Ost-Berliner Schauspielhaus. „Ich bin sicher, Beethoven würde uns zustimmen“, meinte der Dirigent, Komponist, Pianist und Lehrer damals.

Leonard Bernstein war zehn Jahre alt, als seine Tante ihr Klavier zum Einlagern in sein Elternhaus schickte. „Ma, ich will Unterricht“, rief der Junge, als er das Instrument sah. Später studierte er in Harvard Klavier und Komposition. Als der Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, Bruno Walter, im November 1943 erkrankte, übernahm der junge Bernstein, der damals Assistenzdirigent war, das Podium. Und er glänzte. Es folgten Gastauftritte in den USA, Europa und Israel, 1953 dirigierte er als erster US-Amerikaner in der Mailänder Scala. Als Chefdirigent (1958 – 1969) zog er die New Yorker Philharmoniker aus einem Tief.

Komponisten wie Beethoven, Haydn und Schumann hatten in Bernsteins Schaffen einen besonderen Platz. Seine Aufnahmen von Mahler Symphonien gelten als die besten überhaupt — das führte zu einem wahren Mahler-Boom in den USA. Mit seinen im Fernsehen übertragenen „Young People’s Concerts“ führte er junge Menschen an die Klassik heran.

Wer Bernsteins Musik seziert, erkennt seine Raffinesse und Vielseitigkeit: Er wob Jazz-Elemente und biblische Themen in seine klassischen Stücke, er zitierte seine jüdischen Wurzeln und griff römisch-katholische Motive in seiner „Messe“ von 1971 auf. Darüber hinaus schrieb er Ballette („Fancy Free“ und „Facsimile“) und Musicals — neben „On the Town“ und „Candide“wurde vor allem „West Side Story“ zum Hit.

Am Karriereende des Klassik-Superstars stand ein ganzer Berg an Grammys, Emmys, Verkaufsrekorden, Ehrendoktortiteln und Auszeichnungen aus der Welt von Kunst und Kultur.

„Musik handelt nie von etwas. Musik ist einfach“

In Lobreden und Danksagungen wurde immer wieder versucht, seine Musik und seinen Stil zu deuten. Interpretationen gingen Leonard Bernstein aber zu weit. Er brach Musik und deren Bedeutung in seinem ersten TV-Konzert für junge Leute 1958 auf ihre einfachste Form herunter: „Egal, wie oft die Leute euch Geschichten darüber erzählen, was Musik bedeutet, vergesst sie. Geschichten haben mit der Bedeutung von Musik überhaupt nichts zu tun. Musik handelt nie von etwas. Musik ist einfach.“ 1990 starb Bernstein im Alter von 72 Jahren.

Hollywood nimmt sich des Ausnahmekünstlers Bernstein in dem Film „The American“ an. Für die Rolle des Musikers ist Jake Gyllenhaal im Gespräch, die Dreharbeiten sollen im Herbst beginnen.

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Am 25. August widmet 3sat Bernstein einen Themenabend: Um 20.15 Uhr ist der Spielfilm „West Side Story“zu sehen und anschließend die Dokus „Bernstein Story“und „Leonard Bernstein“.