Ein Märchen, das nur der Sport schreibt

17 Jahre nach Flucht aus Tschetschenien holte Borchashvili Bronze für Österreich

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE TOKIO 2020 - JUDO VIERTELFINALE: BOR
OLYMPISCHE SOMMERSPIELE TOKIO 2020 - JUDO VIERTELFINALE: BOR © APA/Georg Hochmuth

„Unglaublich, ich kann es noch gar nicht realisieren“, schüttelte Shamil Borchashvili nach der Siegerehrung den Kopf. Sein erster Dank galt dann dem jüngeren Bruder Wachid (22). „Danke, der Junge hat mich von Tag zu Tag gepusht, mich mental so gestärkt“, stammelte der neue Sportheld unter Tränen. Familiäre Unterstützung hatte er in Tokio durch seinen älteren Bruder Kimran (27), der als Trainingspartner mit dabei war.

Höhepunkt einer bewegenden Geschichte

Der 26-jährige Shamil besiegte im Kampf um Bronze den Deutschen Dominik Ressler, Gold ging an den Japaner Takanori Nagase.

Die bewegte Geschichte der Familie Borchashvili (acht Kinder) fand mit der Medaille in der Klasse bis 81 kg von Shamil einen vorläufigen Höhepunkt. Im März 2004 die Flucht aus Tschetschenien nach Österreich ins Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Von dort ging es in ein Flüchtlingsheim im Raum Grieskirchen, ehe sie in Wels (Stadtteil Noitzmühle) sesshaft wurden. Im Vorjahr kaufte sich die Familie in Marchtrenk ein Haus.

„Wollten eigentlich zum Boxen“

Über ein Schnuppertraining kamen die drei Brüder zum Judo und blieben UJZ Multikraft Wels bis heute treu. „Ursprünglich wollten wir Boxen gehen, doch Judo hat uns von Anfang an Spaß gemacht“ erzählte Shamil im Vorfeld der Spiele. Am 1. August 2017 erhielten er und Wachid die österreichische Staatsbürgerschaft (Kimran bereits 2015). Knapp vier Jahre später jubelte er über die erste Judo-Medaille für Rot-Weiß-Rot seit Silber durch „Lupo“ Paischer in Peking 2008, die erste für Oberösterreich seit Bronze von „Pepi“ Reiter 1984 in Los Angeles. Dabei betreibt Borchashvili den Sport erst seit 2018 wirklich profimäßig.

„Ich möchte mich bei allen bedanken — vom Verein über das Nationalteam bis hin zum Verband, vom Bürgermeister bis zum Landeshauptmann“, erklärte der „Bronzene“. „Ich bin sehr dankbar, dass ich für Österreich an den Start gehen konnte. Österreich hat mir sehr vieles gegeben.“

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Auch ÖJV-Cheftrainerin Yvonne Bönisch freute sich mit ihrem Sensations-Mann: „Er hat die Taktik in jedem Kampf 1a umgesetzt“, lobte die Deutsche und verriet: „Er hat mit Wachid jeden Gegner für Stunden im Video studiert.“ Ein Zeitaufwand, der sich mehr als gelohnt hat.

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