Ein musikalischer Triumph

    „Die lustige Witwe“ eröffnet Lehár-Festival in Bad Ischl

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    Hanna und Danilo in den 70ern: Regina Riel und Reinhard Alessandri

    Von Ingo Rickl

    Nach 13 Jahren verabschiedete sich am Samstag Intendant Michael Lakner vom Lehár-Festival Bad Ischl in Richtung Baden und überließ Thomas Enzinger das Feld. Dieser betonte in seiner Antrittsrede die Wichtigkeit der unsterblichen Operette, die — siehe „Die lustige Witwe“! — Aktualitätswert besitze. Einem schönen Festakt folgte die Premiere von „Die lustige Witwe“, für die anno 1905 Victor Léon und Leo Stein ein Libretto mit dem drohenden Bankrott des Kleinstaates Pontevedra (Montenegro) schufen und Lehár die Möglichkeit eröffneten, einen Melodienreichtum sondergleichen zu komponieren.
    Leonard Prinsloo übernahm Regie, Choreografie und Lichtdesign und verlegt die Handlung völlig unnötig vom Beginn den 20. Jahrhunderts in dessen 70er. Damit werden viele aus der Aristokratie stammende Anspielungen obsolet. Der zweite Irrtum: „Die lustige Witwe“ ist ein musikalisches Kleinod, in dem Menschen auf der Bühne stehen sollen, und keine strampelnden „Kasperl“. Wenn etwa Baron Mirko Zeta, Spitzendiplomat in Paris, und sein Adlatus Njegus, seines Zeichens Militärattaché, als Zappelphilippe unterwegs sind, bleibt seriöses Komödiantentum im Keim stecken. Steven Scheschareg und Robert Herzl sind auf verlorenem Posten und wirken einfach peinlich. Zu bewundern sind die von Gerald Krammer vokal betreuten Choristen. Sänger-Darsteller mit Tanzambitionen, sie sich in vielen hypertrophen Verrenkungen austoben dürfen.

    Das Orchester kostet jede Lehársche Nuance aus

    Die musikalische Gestaltung in hingegen überwältigend. Da ist zunächst das über sich selbst hinauswachsende Franz-Lehár-Orchester unter der Leitung von László Gyükér: Jede Lehársche Nuance wird bis zur Neige ausgekostet. Zwei Tenöre von grenzgenialer Präsenz und Ausstrahlung sind der smarte Reinhard Alessandri als Danilo und der die Schwierigkeiten seines Parts, des Rosillon, souverän bewältigende Clemens Kerschbaumer. Die Sopranistinnen stehen ihren Partnern kaum nach. Rollendebütantin Regina Riel erreicht den Höhepunkt als Hanna mit einem als Schichsals-Parabel angelegten Vilja-Lied im Rahmen einer vom Volksfest-Charakter weit entfernter Szene, und die als sexuell aufreizender Mittelpunkt allgegenwärtige Verena Barth-Jurca ist mehr als eine der üblichen Soubretten, nämlich auch stimmlich delikat. Wolfgang Gerold und Roman Martin versuchen singend im Dauerlauf die Millionen Hannas zu erringen. Der Rest der im Pop-Ambiente von Monika Biegler agierenden hektischen Kunstfiguren findet überzeugende Interpreten.
    Nach der Pause blieben einzelne Sitze leer, am Schluss gab es frenetischen, doch endenwollenden Applaus, nachdem der toll hingelegte Offenbach-Cancan und der plakativ wiederholte Weibermarsch die Stimmung angeheizt hatte. Eines haben die Zuschauer leider nicht gesehen: Lehárs, Léons und Steins „Lustige Witwe“.

    Bis 3. September; Karten: 06132/23839